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Unsere Serie „Typisch Mann-Typisch Frau": Teil
9
Heulsusen und Prügelknaben
Wie wir als Kinder gelernt haben, was eine Frau und was einen Mann ausmacht
Wer sich als Frau in die Seele eines Mannes – oder als Mann in die Seele einer Frau – einfühlen will, sollte einen Blick in die Kindheit werfen. Denn trotz aller Angleichungen der letzten Jahre: die Weichen für das unterschiedliche Denken und Fühlen der Geschlechter werden immer noch in den ersten Lebensjahren gelegt.
Es ist seit Jahrzehnten bekannt: Mädchen
werden schon in den ersten Lebenstagen von den Erwachsenen häufiger
auf den Arm genommen, umschmust und geherzt. Ob es um die ersten Schritte,
das erste Wort oder die Sauberkeitserziehung geht: an Jungen werden
strengere Forderungen gestellt als an den weiblichen Nachwuchs. Aber
daß Jungen im Schnitt später anfangen zu sprechen, ist kein
Wunder: die Mütter sprechen mit den kleinen Mädchen häufiger
als mit den Jungen. Jungen werden statt dessen häufiger geschlagen.
Mädchen werden eher getröstet, wenn ihnen etwas mißlingt,
Jungen eher bestraft. Dabei sind in den ersten Lebensjahren Jungen das
schwächere Geschlecht: sie erkranken häufiger und ernster,
ihre Säuglingssterblichkeitsrate liegt höher. Mehr Distanz
und mehr Anforderungen: die Folgen lassen sich statistisch nachweisen:
auf ein stotternde Mädchen kommen vier stotternde Jungen. Jungen
sind doppelt so oft Bettnässer als Mädchen. In Fragen Nervosität
und Hyperaktivität sind Jungen sogar siebenmal stärker betroffen
– und zwar schon lange, bevor in der beginnenden Pubertät das aggressionssteigernde
Männlichkeitshormon Testosteron die psychische Stabilität
der Jungen für längere Zeit außer Kraft setzt.
Von früher Kindheit an haben Jungen daher schlechtere Kommunikationsfähigkeiten
als Mädchen. Sie können sich nicht so gut ausdrücken.
Auch wenn sie nicht mehr direkt zu hören bekommen, daß ein
Junge nicht weinen darf: peinlich berührt sind die meisten Eltern
doch und fürchten, er können ein Schwächling werden und
sich nicht durchsetzen. Und durchsetzen muß er sich – von einem
Mädchen wird das viel seltener erwartet. Wenn er mit Worten den
Mädchen unterlegen ist, greift er zu den Fähigkeiten, in denen
er ihnen von Natur aus überlegen ist: Prügeln. Sie sind kräftiger
und beweglicher. Die Jungs merken genau, daß der Vater, der sie
ausschimpft, weil sie sich geprügelt haben, insgeheim stolz ist,
daß sein Nachfolger auf dem Weg ist, ein richtiger Mann zu werden.
Auch feministisch aufgeklärte Mütter betrachten die Prügel,
die ihr Sohn austeilt meist nachsichtiger, als wenn die Mädchen
aufeinander einschlagen und sich an den Haaren ziehen.
Aber selbst dort, wo Eltern es schaffen, eine moderne Erziehung der
Gleichheit der Geschlechter durchzuhalten – da sind immer noch die Gleichaltrigen.
Und der Druck der Gruppe – egal, ob Schulklasse, Freundeskreise oder
Nachbarschaftskinder – sorgt auf jeden Fall dafür, daß aus
Jungen Kerle und aus Mädchen Frauen werden. Die amerikanische Psychologin
Judith Harris erregte in den USA mit einem Buch Aufmerksamkeit, indem
sie behauptete, daß die Gleichaltrigen einen größeren
Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung ausüben als
die Eltern.
Auch wenn es im Einzelfall unterschiedlich sein mag, woher der größte
Einfluß kommt: jeder von uns wird sich noch gut an Druck von Freund(inn)en
und Konkurrent(inn)en erinnern können, seine Stärke oder Beliebtheit
zu beweisen. Wer in seiner Klasse in die Rolle des Außenseiters
gedrängt wurde, wird sein Leben lang mit Hemmungen zu kämpfen
haben. Wer nur als Klassenkaspar zeitweise Aufmerksamkeit erringen konnte,
wird auch später noch um die Beachtung anderer buhlen wollen. Den
Leithammeln der Schulzeit fällt es zwanzig Jahre danach noch schwer,
Konkurrenten neben sich zu dulden.
Diese Art der Sozialisation wirkt auch bei der Festigung der Geschlechterrollen.
Jungen müssen gar nicht gedrängt werden, ein "richtiger Mann"
sein zu wollen. Sie streben ganz von selbst nach derartigen Idealbildern,
die ihnen Filme liefern und unter Gleichaltrigen als Bewertungsmaßstäbe
wirken. Gefährliche Mutproben und Kämpfe sind an der Tagesordnung.
Da können die Eltern noch so oft erzählen, daß gute
Mathenoten wichtiger sind als eine gewonnen Prügelei: die einzige
Schulleistung, die sofort Anerkennung verschafft, besteht darin, der
beste im Sportunterricht zu sein.
Bei Mädchen verläuft die Identifikation mit der Weiblichkeit
etwas unauffälliger, aber deswegen nicht weniger wirkungsvoll:
Wissenschaftler zeigten, wie schon zwölfjährige Mädchen
sich dem Klischee typisch weiblichen Verhaltens anpassen. Sie kichern,
tuscheln und anstellen sich beim Sport mit Absicht ungeschickt an, sobald
Jungen in die Nähe kommen. Die Tatsache, daß Kinder es vorziehen,
nur mit Angehörigen des eigenen Geschlechtes zu spielen und Freundschaften
zu schließen, verstärkt die Selbsterziehung zur eigenen Geschlechtsrolle
weiter.
Solche Entwicklung hat ihren Preis. Jungen sind nicht nur die hauptsächlichen
Verursacher von Gewalt, sondern auch deren bevorzugte Opfer. Sie erleiden
- Körperverletzung doppelt so oft wie Mädchen
- Selbstmord dreimal so oft wie Mädchen
- Raub bis zu sieben Mal so oft wie Mädchen.
Befragungen der Erwachsenen zeigen, daß diese Identifikation
mit der eigenen Geschlechtsrolle außerordentlich wirksam ist.
Zwar akzeptieren Männer stärker als früher, daß
Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten sollen, daß
beide sich in Haushalts- und Erziehungspflichten teilen sollen. Aber
im Konfliktfalle (etwa zwischen Beruf und Haushalt) entscheiden beide
immer noch zugunsten des Mannes, was den Beruf betrifft und überlassen
ihr den Haushalt. Eine neue Untersuchung von Wolfgang
Lipp und Jan
Künzler von der Universität Würzburg und Wolfgang
Walter vom Staatsinstitut für Familienforschung in Bamberg liefert
dafür konkrete Zahlen. Verheiratete Frauen leisteten 1965 31 Stunden
Hausarbeit pro Woche. Westdeutsche Männer trugen nur drei Stunden
dazu bei, ostdeutsche Männer sieben Stunden. 1991 betrug die Arbeitszeit
der verheirateten Frauen im Haushalt 27 Stunden in Ostdeutschland und
32 Stunden im Westen. Die Beteiligung ihrer Männer betrug im Osten
16 Stunden, im Westen 13 Stunden. Das heißt: es gibt eine Tendenz
zur Annäherung, aber besonders im Westen leisten die Frauen im
Haushalt immer noch mehr als doppelt soviel.
Die traditionellen Ideale, was "echte Männer" und "echte Frauen"
sind, bestimmen weiter unser Partnerwahlverhalten. Das zeigte kürzlich
eine repräsentative Umfrage der Zeitschrift "Elle" unter tausend
Frauen. Danach werden sehr sensible Männer von mehr als jeder dritten
Frau abgelehnt. Zwei Drittel finden offene, unkomplizierte Männer
am erotischsten. Breite Schultern und eine kräftige Statur könnten
nicht schaden.
Offenbar spielt der Geschlechtsunterschied eine wichtige Rolle beim
Finden unserer Identität im Kindes- und Jugendalter. Wenn soziale
Unterschiede zunehmend schwinden, werden äußere und Verhaltensunterschiede
für die Identitätsfindung wichtiger. Diesen Prozeß mit
aller Macht verhindern wollen, hätte wenig Sinn. Aber es sicher
nützlich, sich der unterschiedlichen Entwicklung von Männern
und Frauen bewußt zu werden, um einander besser zu verstehen.
Veröffentlicht im Februar 2001 © by www.berlinx.de
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