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Unsere Serie „Typisch Mann-Typisch Frau": Teil
23
Der Kuß
Vom zarten Wangenhauch zum leidenschaftlichen Knutschen
Nicht nur Schokolade, auch Küsse bereiten Frauen mehr Vergnügen als Sex. Für viele Männer ist der Kuß dagegen nur eine Zwischenstation, um die völlige Hingabe der Geliebten zu erlangen. Wahre Genießer freilich wissen die Kunst der Lippenspiele zu schätzen und beherrschen die ganze Bandbreite vom Hand- bis zum Zungenkuß. EGO-Net bericht
Bis heute ist sein Ursprung
umstritten. Verhaltensbiologen vermuten, daß sich
der Kuß aus der Futterübergabe beim Balztanz
entwickelt hat. Mit einer symbolischen Fütterung von
Schnabel zu Schnabel laden viele Männchen im Tierreich
Weibchen zum gemeinsamen Nestbau ein. Weit hergeholt? Keineswegs.
Noch die alten Ägypter bezeichneten die Wörter
essen und küssen mit denselben
Schriftzeichen. Sigmund Freud sah im Kuß ein Überbleibsel
der Kindheit - eine unbewußte Rückerinnerung
an das Saugen an der Mutterbrust.
Eine lustvollere These über den Ursprung des Lippenkontakts
vertritt die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld.
Sie glaubt an einen Zusammenhang von Geruch und Küssen.
Unsere Vorfahren beschnüffelten und beleckten einander
am Hinterteil, um die sexuelle Bereitschaft zu erkunden.
Mit dem aufrechten Gang verlagerte sich die Kontaktzone
zum Mund. Nur so sei zu erklären, warum der Kuß
in so vielen Kulturen, die sich unabhängig voneinander
entwickelten, unter einem öffentlichen Tabu steht.
Und das nicht nur im konservativen Islam.
Auch manches hochentwickelte Industrieland verhält
sich gegenüber Küssen noch äußerst
prüde. In Japan zeugen öffentliche Mund-zu-Mund-Kontakte
von mangelndem Benehmen und fehlender Selbstbeherrschung.
Ähnlich in einigen Teilen Italiens und in der Türkei.
Einige Gruppen von Jugendlichen erproben die Zurschaustellung
der Zuneigung als Protest gegen den traditionellen Konformismus.
In den USA haben manche Städte merkwürdige Verordnungen
gegen Küsse erlassen. Die einen verbieten Küsse
mit Bartträgern, andere setzen ein Zeitlimit von einer
Sekunde und in Hartford im Bundesstaat Connecticut herrscht
ein Sonntagskußverbot.
Insbesondere der Zungenkuß ist eine Art symbolischer
Sex. Das beweisen die Körperreaktionen beim Knutschen.
Das Gehirn schüttet vermehrt Glückshormone aus,
der Puls beschleunigt sich bis auf 150 Schläge pro
Minute, auch der Blutdruck treibt nach oben. Küssen
kann daher süchtig machen, aber es ist eine gesunde
Sucht. Alle Gesichtsmuskeln geraten in Aktion. Kein Wunder,
daß Vielküsser vor früher Faltenbildung
bewahrt bleiben, jünger wirken und wie eine US-Studie
zeigt, sogar bis zu fünf Jahre älter werden als
Nichtküsser. Außerdem baut Küssen nachweisbar
Streß ab. Wir fühlen uns ausgeglichener und gelöster.
Das ist sogar statistisch nachweisbar. Frisch Geküßte
bauen weniger Unfälle im Straßenverkehr.
Aber ist Küssen nicht unhygienisch? Überträgt
Bakterien und andere Erreger? Das Gegenteil ist der Fall.
Beim Küssen produzieren wir mehr Speichel, der reinigt
die Zähne und entzieht so möglichen Erregern die
Nahrungsgrundlage. Und Küssen fällt unter die
Kategorie Safer Sex. Eine Übertragung des AIDS-Virus
von Mund zu Mund ist nach heutigem Wissen so gut wie ausgeschlossen.
Selbst wenn Sie heiklere Körperteile küssen -
auch Oralverkehr gilt laut Angaben der Ärzte als unbedenklich.
Deutsche küssen rund dreimal am Tag - das meiste davon
sind flüchtige Freundschaftsküsse. Auch Ehe und
andere Formen der Gewöhnung senken die Kußfrequenz
und -dauer. Schade eigentlich. Da ein leidenschaftlicher
Kuß 64 Kalorien verbraucht, könnten zehn solche
Knutscher eine Stunde Jogging ersetzen. Freilich gibt es
Völker, die gar nicht küssen. Eskimos und einige
Südseevölker reiben nur die Nasen aneinander oder
belassen es bei zartem Wimpernknabbern. Im Burma legt man
die Wangen aneinander.
In den nächsten Monaten wird die Kußfrequenz
wieder ansteigen - zumindest in den Karnevalsregionen. Vergessen
Sie nicht: der Kuß ist zwar gesund, aber auch eine
Versuchung mehr zu wagen. Der altrömische Dichter Ovid
sprach schon vor zweitausend Jahren in seiner Liebeskunst
Klartext:
Wer erst Küsse nahm und das übrige nicht,
verdient auch das, was ihm gegeben wurde, zu verlieren.
Literatur:
Ingelore Ebbingfeld: Küss mich. Eine unterhaltsame
Geschichte wollüstiger Küsse. Ulrike Helmer Verlag,
Königstein/Taunus 2001.
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Veröffentlicht im Februar 2002 © by www.berlinx.de
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