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philosophische Streifzüge
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Unsere Serie „Philosophische Streifzüge”: Teil 26

Die Macht der Wünsche
Zwischen Begehren und Verzicht

Macht Wünschen glück­lich? Kann jeder Traum wahr werden, wenn unsere Wünsche nur stark genug sind? Oder ist nur der gegen Unglück gefeit, der auf alle Glücks­güter ver­zichten kann?

Was ist schlimmer ist als uner­füllte Wün­sche? Erfüllte Wünsche! Denn nach der Euphorie über das reali­sierte Glück folgt die Gewöhnung und bald das Begehren nach mehr. Davon erzählt das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Anfangs wünscht sich die Frau nur ein Häuschen, bald aber will sie Fürst, Kaiser und Papst sein. Als ihr Wünschen jedes Maß verliert, landet sie zur Strafe wieder im ursprüng­lichen Elend.

Einerseits wohnt unseren Wünschen eine starke Kraft inne. Sie regen an, uns um ihre Verwirk­lichung zu kümmern, Energie und Zeit zu investieren. Doch wer ist schon fähig, sich auf Dauer mit dem Erreichten zufrieden zu geben? Schnell verwandelt sich das Endziel in eine bloße Zwischen­etappe zum nächsten, noch anspruchs­volleren Ziel. Es strebt der Mensch solang er lebt.

Ist es da nicht klüger, gleich aus dem Hamster­rad auszusteigen und gar nicht erst mit dem Wünschen und Streben anzufangen? Schon die Philosophen der Antike haben alle Varianten des Umgangs mit den Wünschen durchdacht. Das sind Ihre Lösungen:

Lustprinzip. Der Kyrenaiker Aristipp nannte die Lust das höchste Prinzip des Lebens. Have Fun und genieße das Leben, lautete – modern formuliert – seine Devise. Leider sind die Menschen verschieden. Es ist der Slogan der Ellenbogen­gesellschaft. Wer krank und arm ist, gerät unter die Räder.

Vernünftiger Genuss. Seine Wünsche auf das Vernünftige beschränken, empfahl Epikur.  Genießen braucht Kenntnis und Maß. Einen guten Wein weiß nur zu schätzen, wer sich mit Weinen auskennt und den edlen Tropfen nicht flaschen­weise in sich hineinschüttet. Die höchsten Genüsse sind deshalb geistiger Art. Es ist die Philosophie der Gourmets und Kenner.

Wunschlosigkeit. Die Kyniker Antisthenes und Diogenes von Sinope waren die Vorläufer moderner Aussteiger. Besitz ist in ihren Augen eine Last. Bedürfnisse machen abhängig. Das Eigentum verpflichtet – es zu pflegen, zu schützen – weg mit der Pflicht! Man beschränke sich auf das zum Leben Nötige und befreie sich von allem Überflüssigen. Als Diogenes sah, wie ein Knabe Wasser mit der bloßen Hand schöpfte, warf er seinen Trinkbecher weg.

Askese. Was du heute besitzt, kann dir morgen durch ein Unglück verloren gehen. Wohl dem, der gelernt hat, mit Wenigem auszukommen! Auf die Wechsel­fälle des Lebens richteten die Stoiker Epiktet, Seneca und Marc Aurel ihr Augenmerk. Nicht der Wunsch nach mehr macht glücklich. Sondern im Glück sich auf mögliches Unglück vorbereiten. Marc Aurel schlief als römischer Kaiser auf einem harten Feldbett. So musste er sich nicht auf Entbehrung umstellen, wenn er aus dem dekadenten Rom ins karge Armeelager zog. Heute finden wir den Stoizismus bei Karrieristen, Fitnessfans und Extremsportlern wieder.

Wunscherfüllung als Belohnung. Der scheinbar selbst­verständliche Zusammen­hang zwischen eigener Leistung und einer Belohnung durch eine höhere Macht, tauchte im abend­ländischen Denken erst mit der katholischen Kirche auf. Die alten Griechen glaubten noch an ein launisches Schicksal, das Glück und Unglück per Zufall zuteilt. Heute halten wir Wunsch­erfüllung für käuflich. Ob Gesundheit, Sicherheit oder Bewunderung der Mitmenschen – alles eine Frage des Geldbeutels. Für den modernen Konsumenten ist Einkaufen als Selbst­belohnung ein selbstverständliches Prinzip geworden.

Die Philosophie lehrt uns, mit unseren Wünschen sorgsam umzugehen. Erhöhen unsere Wünsche unser Wohl­befinden oder sind wir Sklaven unserer Wünsche geworden? Einige Prinzipien haben sich bewährt und sind von der psycho­logischen Forschung bestätigt worden:

  • Konzentrieren Sie sich auf wenige, realistische Wünsche.
  • Gehen sie mit Ihren liebsten Genüssen sparsam um. Ob Sex, Reisen oder das Lieblings­essen – alles wird schal, wenn man sie täglich genießen will. 
  • Gönnen Sie sich Fastenzeiten, auch im übertragenen Sinne. Üben Sie zeitweise bewussten Verzicht.
  • Überlegen Sie, ob Ihre Wünsche nicht nur Ersatz für uneinge­standene Bedürfnisse nach mehr Anerkennung, Kontakt und Nähe sind. Falls ja – versuchen Sie lieber, diese seelischen Bedürfnisse zu befriedigen statt Ersatz­güter anzuhäufen.

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Veröffentlicht im Dezember 2010 © by www.berlinx.de

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