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Souveränität (I)
Wie Sie stets Herr der Lage bleiben

Wer bliebe nicht gern in jeder Situation gelassen und selbst­bewusst? Doch beim nächsten Ärger fahren wir wieder aus der Haut oder sind einfach sprachlos. Wie schaffen Sie es, souverän zu reagieren?

„Frau Lehmann, daran hätten Sie aber denken müssen!“ schimpft der Chef. Kathrin Lehmann, sein Mädchen für alles, möchte am liebsten in Tränen ausbrechen. Ist sie sein Fußabtreter? Sein Kindermädchen? Wieso sollte sie die Schuld für seine Vergess­­lichkeit auf sich nehmen? Sie versucht, sich zu wehren: „Niemand hat mir gesagt, dass ich überprüfen soll, ob Sie Ihre Termine einhalten.“ Der Chef entgegnete nur: „Haben Sie während Ihrer Sekretärinnen­ausbildung geschlafen?“ Da hat sie sich aber schön in die Nesseln gesetzt!

In sozialen Beziehungen laufen Machtspiele ab. Die Partner testen: Was kann ich mir erlauben? Was lässt der andere mit sich machen, was nicht? Die Fähigkeit, dabei innerlich Haltung zu bewahren und den Überblick zu behalten, bezeichnet man als Souveränität. Je leichter es aggressiven Mitbürgern fällt, die innere Haltung ihres Gegenüber zu erschüttern, desto geringer dessen Souveränität. Doch wie erwirbt man die Kunst der Selbst-Beherrschung?

Das Training der Souveränität setzt sich aus zwei Faktoren zusammen:
1. Einem Notfall­programm für unerwartete Angriffe auf Ihre Gelassenheit. Wir stellen es Ihnen in diesem ersten Teil vor.
2. Einem langfristigen Übungs­programm für mehr Souveränität. Sie werden es im zweiten Teil unseres Artikels finden.

Ein Notfall­programm hilft, wenn ein Gegner Sie kalt erwischt. Ein Überraschungs­angriff bringt Sie aus dem Konzept. Sie sind sprachlos. Blind zurückschlagen – und damit offenbaren, dass Ihnen im Moment die nötigen Gelassenheit und Übersicht fehlt? Oder den Kopf einziehen und verstummen?

Die 3-Sekunden-Regel. Wir neigen dazu, spontan und sofort zu reagieren. Mit dem, was uns gerade in den Sinn kommt. Ohne zu überlegen. Meist bereuen wir später unsere Antwort und grübeln stundenlang, wie wir besser reagiert hätten. Deshalb: Sagen Sie drei Sekunden lang nichts. Schauen Sie Ihr Gegenüber nur erstaunt an. Atmen Sie langsam aus, das beruhigt und entkrampft das blockierte Denken. Nutzen Sie die Pause, um sich zu fassen und eine souveräne Antwort zu finden.

Die Rückfrage. Nur wenigen fällt in wenigen Sekunden eine schlagfertige Antwort ein. Das ist kein Beinbruch. Tun Sie so, als hätten Sie nicht recht verstanden und vergewissern Sie sich, dass Ihr Gegenüber Sie tatsächlich attackieren will:
„Was haben Sie eben gesagt?“
„Wie meinen Sie das?“
„Wirklich? Das müssen Sie mir bitte genauer erklären.“

Auf Wut betont freundlich reagieren. Wer Sie angreift, ist selbst nicht souverän. Er entblößt eine seelische Schwäche. Es wäre daher falsch, mit der selben Schwäche zu antworten. Widerstehen Sie dem Impuls, ebenso wütend zurückzuschlagen. Zeigen Sie Verständnis für den Ärger Ihres Gegenüber. Und fragen Sie, wie Sie ihm helfen können, die Quelle seines (nicht Ihres!) Ärgers zu beseitigen:
„Sie sind verärgert. Das tut mir leid.“
„Ja, das ist ärgerlich. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Wirklich schlimm. Was schlagen Sie vor?“

Schuldzuweisungen ignorieren. Wie reagieren Sie, wenn Ihr Gegenüber behauptet: „Sie sind schuld!“ Weisen Sie jede Verantwortung von sich? Wird der andere dann nicht erst recht zu beweisen versuchen, dass Sie die Sache verbockt haben? Eine solche Diskussion bringt nichts. Wenn Sie einen offensicht­lichen Fehler gemacht haben, entschuldigen Sie sich einmal kurz und bündig – ohne weitere Rechtfertigung. Haben Sie keine Schuld, nehmen Sie auch keine auf sich, sondern ignorieren den Vorwurf. Sie haben es in diesem Fall erst recht nicht nötig, sich zu rechtfertigen.

Lösung suchen. Das sicherste Mittel, jede Diskussion um vergangene Verfehlungen zu vermeiden, ist die Frage nach der Zukunft. Sie haben begriffen, dass irgend etwas schief gelaufen ist. Sie möchten künftig diesen Konflikt­punkt vermeiden. Fragen Sie, was der andere vorschlägt. Bitten Sie auf keinen Fall um Anweisungen, Befehle oder ähnliches. Anordnungen können Sie nur widerspruchslos ausführen oder verweigern. Auf Vorschläge dürfen Sie dagegen mit Gegen­vorschlägen reagieren oder auf mögliche Hindernisse hinweisen. Das ist der diplomatische Weg.

Lesen Sie weiter:
Souveränität (II)
Ein Lernprogramm für mehr Selbst-Beherrschung

veröffentlicht im April 2012 © by www.berlinx.de

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