|
zur Druckversion
Rhetorik (III)
So glänzen Sie in einer Diskussionsrunde
Sie haben Ihre Rede ohne größere Pannen über die Bühne gebracht. Was aber, wenn die Zuhörer Sie nun in der Luft zerreißen? Keine Sorge – Egonet verrät Ihnen, wie Sie auch die härteste Diskussion als Sieger verlassen.
Viele Redner
machen sich das Leben im Anschluss an ihren Vortrag selbst schwer.
Sie betrachten die anschließende Fragerunde als eine Art
Boxkampf. Die Zuhörer greifen an und er muss sich verteidigen.
Warum nicht als Chance nutzen dazu zu lernen. Die meisten Zuhörer
wollen lediglich einige Zusatzinformationen erlangen oder ein
bicsschen Selbstdarstellung betreiben. Wenn Sie diese Wünsche
bedienen, können sie zusätzliche Pluspunkte sammeln.
Gehen wir die
wichtigsten Hürden einmal durch:
Es kommen gar
keine Anfragen. Das ist viel schlimmer als unfaire Angriffe. Wenn
niemand etwas fragt, bildet sich unwillkürlich der Eindruck, Sie
hätten nur Trivialitäten geäußert, die jeder
abnickt. Wenn Sie die Leute so nach Hause gehen lassen, bleibt ein
schlechter Eindruck zurück. Stellen Sie deshalb selbst eine
Frage ans Publikum: Zu folgendem Punkt würde mich Ihre
Meinung interessieren ... Damit Sie auch mit Sicherheit eine
Antwort erhalten, fügen Sie eine Alternativfrage hinzu: Sind
Sie für oder gegen ...?
Man fragt Sie
etwas, was Sie nicht wissen. Auf keinen Fall Kenntnis
vortäuschen! Wie peinlich, wenn jemand im Publikum sitzt, der es
besser weiß, und Sie vor aller Augen korrigiert! Sagen: Das
ist ein interessantes Thema. Ich wollte, ich hätte die zeit
gehabt, mich damit zu befassen. Sie müssen keine Frage
fürchten, denn Sie haben immer zwei Alternativen. Wenn Sie die
Antwort genau wissen, antworten Sie. Wenn Sie die Antwort nicht genau
oder gar nicht wissen, sagen Sie: Das ist ein interessanter
Aspekt, aber leider nicht mein Thema. Ich werde es mir aber
notieren.
Man
konfrontiert Sie mit einer Gegenautorität. Eine der
gefürchtetsten Anfragen lautet etwa: Sie sagten vorhin ...
Doch wie Sie sicher wissen, haben Schulze und Kollegen schon 1996 in
ihrer wegweisenden Studie nachgewiesen, dass ... Mich wundert, dass
Sie immer noch diesen überholten Standpunkt vertreten. Tun
Sie auf keinen Fall, als ob Sie die Studie von Schulze und Kollegen
kennen, wenn das nicht der Fall ist! Der Fragende kann sie erfunden
haben, um sie zu blamieren. Geben Sie Ihre Unkenntnis sofort zu!
Keine fraglos hingenommene Autoritätsgläubigkeit! Fragen
Sie detailliert zurück: Wo ist die Studie veröffentlicht?
Was haben Schulze und Kollegen genau herausgefunden? Mit welcher
Methode? Meist kennt der Fragesteller seine Autorität auch
nur vage und vom Hörensagen. Doch selbst wenn er alle Details
drauf hat setzen Sie sich nicht mit der Autorität
auseinander, da Sie die Studie nicht vor sich liegen haben. Notieren
Sie die Ihnen genannte Quelle, aber diskutieren nur über die
Meinung des Fragestellers, nicht über eine Studie, die Sie nicht
kennen. Geben Sie Wissenslücken zu, das wirkt menschlich und
verschafft Ihnen bei der Mehrheit Sympathie.
Gegenangriffe:
Die Versuchung ist groß, mit einem einzelnen Gegner (oder einer
gegnerischen Gruppe) einen Streit auszufechten, bei dem die übrigen
nur noch Zuschauer sind. Bremsen Sie sich. Einen Zank legt man Ihnen
als Schwäche aus. Wenn Sie merken, dass sich die Fragenden mit
Ihrer Antwort nicht zufrieden geben, sondern streiten wollen, haben
Sie zwei Möglichkeiten. 1. Sie danken für die Frage und
versprechen, weiter darüber nachzudenken. 2. Sie geben die Frage
ans Publikum weiter und lassen die Zuhörer untereinander
diskutieren. Sie selbst ziehen sich in die Rolle des (unparteiischen)
Moderators zurück.
Moralisches
Urteil: Vorträge zu umstrittenen Themen sorgen immer für
eine lebhafte Diskussion. Wenn Sie über Abtreibung, Sterbehilfe,
Todesstrafe, Militärhilfe im Ausland oder ähnliches reden,
müssen Sie damit rechnen, dass Andersdenkende ein moralisches
Urteil über Sie fällen: Sie rechtfertigen also die
Tötung des ungeborenen Lebens? In meinen Augen ist das Aufruf
zum Mord. Solche wie Sie gehören eingesperrt. Hier geht es
um Überzeugungen, nicht um wahr oder falsch. Eine Diskussion
würde den Graben vertiefen und könnte sogar in
Handgreiflichkeiten enden. Sie haben zwei Möglichkeiten, sich
elegant aus der Bredouille zu ziehen. 1. Sie sagen einfach: Es
tut mir leid, dass ich Sie nicht überzeugen konnte. Oft
steht hinter dem emotionalen Angriff eine persönliche Erfahrung
des Urteilenden. Wenn überhaupt, sollten Sie darüber nur
unter vier Augen diskutieren. 2. Sie filtern aus dem Angriff ein
sachliches Moment heraus, indem Sie eine Begriffsdefinition abfragen,
etwa: Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter Mord? Was
bedeutet Leben für Sie? Schließt es
Bewusstsein ein? Oder meinen Sie jede Art von organischem Leben? Ist
dann auch für Sie Tötung eines Rindes Mord? Über
diese sachlichen Momente des Problems können Sie sinnvoll
miteinander diskutieren.
Zuhörer
gehen nach und nach: Redner fassen dies automatisch als Kritik
mit den Füßen an sich auf. Oft ist der Anlass
aber ein anderer. Ich habe diese Situation mal in einem Riesensaal
erlebt. Nach und nach leerte sich die Arena. Der Redner wurde immer
unsicherer. Doch es war der 9. November 1989. Im Saal machte
lediglich die Nachricht die Runde, dass die Mauer geöffnet
worden war. Fragen Sie also nach den Gründen bei Leuten, die Sie
gerade hinaus gehen sehen. Nur wenn sie verlegen antworten, sie
müssten leider heim, sind Sie gut beraten, mit einem kurzen Dank
an alle den Abend zu beenden.
Literaturtipp:
Im August 2005
erscheint:
Harry
Holzheu: Das ultimative Rhetorikbrevier. Die 120 besten Erfolgsprinzipien für
Redner. ECON-Verlag Berlin.
Veröffentlicht im Juli 2005 © by www.berlinx.de
zur Druckversion
|