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Die Wiederkehr der Werte
Wofür sind Sie bereit, Geld, Zeit und Energie zu opfern?

Die jüng­ste Steuer­flucht­affäre hat ein ver­trautes Ri­tual wieder in Gang gebracht: Öffent­liche Red­ner be­kla­gen Wer­te­ver­luste, Poli­tiker ru­fen nach ei­ner neu­en Ethik. Ist uns wirk­lich al­les gleich­gültig ge­wor­den? Und brau­chen wir über­haupt Werte, um glück­lich zu leben?

Jedes Jahr fragen Meinungs­forscher, was den Bür­gern wich­tig ist. Ganz oben steht die Gesund­heit. Weitere wich­tige Werte sind auf persön­licher Ebene: Familie, Treue, sicherer Arbeits­platz und ein kom­for­tables Ein­kommen. Frieden, Freiheit, Sicherheit und Umwelt stehen bei den über­persönlichen Werte ganz oben.

Werte sind abstrakte Ideale, aus denen wir für das persönliche Handeln konkrete Ziele ableiten. Nicht alle anerkannten Werte sind für den Einzelnen gleich wichtig. Gott ist für Gläubige von hohem Wert, für Atheisten dagegen eine Illusion. Manche Werte schließen einander (teilweise) aus, zum Beispiel:

  • Freiheit  oder soziale Sicherheit bevorzugen
  • Traditionen bewahren oder Neuerungen durchsetzen
  • Auf den Verstand hören oder auf das Gefühl.

Scharfsinnige Denker haben sich bemüht, diese Gegensätze zu versöhnen. Doch letztlich wird der Einzelnen nach seinen Neigungen stets einige Werte als zentral einstufen und andere vernachlässigen Daraus ergibt sich der Unterschied zwischen Wert und Sinn. Die Gesellschaft definiert sich über ihre Werte. Der Einzelne stellt ein oder zwei davon in den Mittelpunkt seines Handelns. Sie bestimmen den Sinn seines Lebens. Der persönliche Sinn verleiht unserem Leben Richtung und Motivation.

In den letzten Jahren ist viel von einer Krise der Werte die Rede – oder (bezogen auf die Individuen) von einer Sinnkrise. Dafür machen Politiker gern den Verlust an verbindlicher Orientierung verantwortlich. Kirche und Staat haben die Macht verloren, uns vorzuschreiben, nach welchen Werten wir uns zu richten haben. Nicht jedem gelingt es, die für ihn wichtigen Werte selbst zu bestimmen.

Wir vergessen leicht, das dieser „Verlust“ eine Errungenschaft ist – ein Freiheitsgewinn. Wer von uns möchte schon, dass Angela Merkel, Kurt Beck oder Roland Koch ihm vorschreibt, woran er glauben und wonach er streben soll? Die Rede vom Werte-„Verlust“ ist nicht korrekt: Die Werte sind nicht verloren, sondern bloß nicht mehr verbindlich vorgeschrieben. In Wahrheit haben wir noch nie soviel über Werte diskutiert und nachgedacht. Weil wir sie nicht mehr als selbstverständlich hinnehmen.

Für die Wertekrise gibt es – außer dem Verlust an verbindlicher Orientierung – noch einen zweite wichtige Ursache: Unsere Handlungsmöglichkeiten sind über unsere Werte hinausgewachsen. Dank hohem technischem Wissen und globalisierter Ökonomie ist unser Können unseren Handlungsgründen davongelaufen. Das Know-how der Menschheit ist stark gewachsen, die Werte haben sich nur wenig verändert.

Daher ist es gut, dass wir wieder viel über Werte nachdenken. Die globale Klimaveränderung erfordert auch neue, globale Werte. Traditionelle Werte enden an den Grenzen der eigenen Gemeinschaft. Das biblische Gebot „Du sollst nicht töten“ galt nur für das eigene Volk und hinderte niemanden, mit dem Segen der Priester „Feinde“ zu Tausenden zu erschlagen.

Moderne Werte betreffen den Erdball. Auch aus praktischen Gründen, denen sich der Einzelne kaum mehr entziehen kann. Ein Beispiel: Zur Zeit fangen Fischer die letzten Bestände an Thunfisch aus dem Mittelmeer. Damit aber nehmen die Quallen überhand, von denen sich die Riesenfische ernähren. Ihre Schwärme attackieren den Thunfischgourmet, sobald er auf Ibiza oder Malta badet.

Unsere Politiker spielen ein doppeltes Spiel. Einerseits rufen sie uns Bürger zu mehr Engagement auf. Andererseits mögen sie es nicht, wenn wir ihrer Aufforderung folgen. Wenn wir versuchen, auf ihre Entscheidungen Einfluss zu nehmen, fahren sie die geballte Staatsmacht auf. Wie beim G8-Gipfel von Heiligendamm oder beim Bush-Besuch in Stralsund.

Ob Gesundheitswesen, Bildung oder Datenschutz – hatten Sie eine echte Chance, auf die jüngsten Gesetze Einfluss zu nehmen? Wir handeln nicht, wenn wir uns ohnmächtig fühlen. Wo Menschen eine Chance sehen, etwas zu bewirken, engagieren sie sich auch. Studien zeigen sogar, dass Engagement jung hält und glücklich macht.

Von einem Werteverlust kann also keine Rede sein. Jede Befragung zeigt von Neuem, das die Menschen ihre Werte genau kennen und für wichtig nehmen. Selbst wer nur in den Tag hinein lebt, hat sich dafür bewusst entschieden. Er kann meist gut begründen, warum er sich so verhält. Aber die meisten von uns haben weiter reichende Ziele. Ziele, die sie nicht zufällig gewählt haben, sondern mit denen sie wichtige Werte verbinden. Werte, die ihrem Dasein Sinn verleihen.

Lesen Sie bei uns auch:
Gerechtigkeit Was empfinden wir als fair?

Veröffentlicht im März 2008 © by www.berlinx.de

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