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Der Sinn des Lebens
Warum sind wir auf der Welt?

Wir nennen die Augen und Ohren Sinne, sprechen aber auch vom Sinn, den das Leben hat. Zufall? Im Gegenteil! Beide  Sinne haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens – ist das nicht eines der ewigen Themen der Philosophie? Von wegen! Das erste Mal verwendete 1799 der romantische Dichter Friedrich Schlegel diesen Begriff. In seinem Roman Lucinde schrieb er: „Nun versteht die Seele ... den heiligen Sinn des Lebens wie die schöne Sprache der Natur.“ In den zweieinhalbtausend Jahren zuvor sprach kein einziger Philosoph vom Lebenssinn, weder Konfuzius noch Sokrates.


Die Sinnsuche ist also ein modernes Unterfangen. Und wer sich dabei auf alte, fernöstliche Weisheiten beruft, muss zur Kenntnis nehmen, dass weder Buddha noch Laotse, aber auch nicht Jesus oder Mohammed ihre Anhänger aufforderten, dem Leben einen Sinn zu geben. Die alten Weisheitslehrer dachten vielmehr über das glückliche, gute oder tugendhafte Leben nach.


Friedrich Schlegel, der erste moderne Sinnsucher, suchte den Lebenssinn in der schönen Natur – wie das obige Zitat verrät – fernab von Napoleonischem Kriegslärm und aufkommender Industrialisierung. Im 19. Jahrhundert bestand der Sinn für die meisten in guten Werken und Gebeten, um ins Jenseits zu gelangen. Den Arbeitern versprachen Marxismus und Gewerkschaften einen neuen Lebenssinn in der Befreiung von der Ausbeutung. Noch vor wenigen Jahren sagten viele Eltern: „Wir rackern uns ab, damit es unsere Kinder einmal besser haben.“ Die Zukunft ihrer Kinder und Enkel war der Lebenssinn der industrialisierten Gesellschaft. Die Spuren dieser Sinnsuche findet man sogar in den Krimis von Agatha Christie. Ihr klassisches Mordmotiv waren Testamente und Erben – also das Wohlergehen der Nachkommen.


Dieser Rückblick zeigt: Sinnsuche hat viel mit dem Zeitgeist zu tun. Sie ist anfällig für Modeströmungen. Heute beklagen viele den Mangel an Lebenssinn. In unserer Gesellschaft fehlt es an verbindlichen Orientierungen. Keine Staatsreligion gibt mehr allgemein gültige Lebensziele vor. Sich seinen Lebenssinn selbst suchen – das ist eine große Chance und Freiheit, aber auch ein Risiko. Ein verfehlter Lebenssinn zieht ein verfehltes, „sinn“-loses Leben nach sich.


Seit dem Siegeszug von Yoga und Zen suchen viele den Sinn in der Meditation. Sie versenken sich in ihr Inneres und hoffen auf eine innere Stimme, die ihnen als Wegweiser durch den Dschungel der Informationsflut hilft. Wer seine Sinnsuche auf diese Weise startet, hat die asiatischen Weisheitslehren nur zur Hälfte verstanden. Meditation ist die letzte Stufe auf dem Weg zur Erleuchtung. Zuvor kommen (z.B. beim Yoga) Körperübungen, soziales Engagement und Kontemplation. Erst wer die Begehrlichkeiten dieser Welt erlitten und als vergeblich am eigenen Leib erlebt hat, ist reif für die Suche nach einem höheren Sinn.


An dieser Stelle treffen sich Sinne und Sinn. Seinen persönlichen Sinn kann nur finden, wer gelernt hat, aufmerksam auf die Signale seiner Sinne zu lauschen. Durch Arbeit, Liebe, spannende Hobbys – oder durch Übungen. Zum Beispiel, indem er sich solange auf das Licht einer Kerze konzentriert, bis er ihr Bild später auch bei geschlossenen Augen in allen sinnlich-farbigen Details wachrufen kann. Wer gelernt hat, Schmerz auszuhalten, Entbehrungen zu ertragen und Versuchungen nicht zu erliegen, ist reif für den Weg von den äußeren Sinnen zum inneren Sinn.


Fragen Sie einmal Bekannte: „Was ist der Sinn deines Lebens?“ Wundern Sie sich nicht, wenn Sie als erstes erstaunte Blicke oder ein verlegenes Lachen ernten. Nach einigen Sekunden der Be-„sinn“-ung erhalten Sie vielleicht nur eine Verlegenheitsantwort – oft das erste, was dem Betreffenden in den Sinn kommt: Karriere, eine gute Ehe oder viel Spaß haben. Versuchen Sie einmal selbst spontan eine Antwort zu geben. Können Sie ohne lange nachzudenken, ihren Lebenssinn klar benennen? Wenn nicht, trösten Sie sich: Ihre Schwierigkeiten sind völlig normal.


Heutzutage ist es fast schon eine moralische Verpflichtung geworden, einen möglichst klugen Lebenssinn aus dem Ärmel zu schütteln. Wer über Persönlichkeit verfügt, sollte doch wohl in der Lage sein zu wissen, wozu er auf der Welt ist! Doch wer nach dem „Sinn“ fragt, erkundigt sich nach einem größeren Zusammenhang, in den der Einzelne sich einordnet. Daher der moralische Zeigefinger. Wehe, Sie kennen Ihren Nutzen nicht! Dann sind Sie ein nutzloses Subjekt! Gibt es Menschen, für die Sie wichtig sind? Nutzen Sie der Gesellschaft oder liegen Sie der Allgemeinheit nur auf der Tasche? Ohne einen (höheren) Sinn setzen Sie sich dem Verdacht aus, ein Egoist, Einzelgänger und Parasit zu sein.


Daher wird der Sinn weder vorgegeben noch im Lotterieverfahren aus einer Reihe von Möglichkeiten ausgewählt. Sie erzeugen ihn vielmehr durch Ihr Handeln – durch Ihre Kontakte, durch Ihr soziales Engagement, durch Ihr Interesse an anderen Menschen. Dabei kann es passieren, dass Sie den Lebenssinn, den Sie gern hätten, nicht erringen. Zum Beispiel, weil Sie keinen Job und keine Chance bekommen. Weil Sie bei Personen, die Sie mögen, nicht auf Gegenliebe stoßen.


Vielleicht leiden wir daher nicht an einem Mangel an Lebenssinn, sondern an zu hohen Sinn-Ansprüchen. Darauf wies der Philosoph Odo Marquardt hin. Wir wollen ein einzigartiges Leben führen. Ein banaler Sinn – unsere Brötchen selbst verdienen und kein schweres Unglück zu verursachen – ist dafür nicht gut genug. Was vor Jahrhunderten nur adlig Geborenen vorbehalten blieb, will heute jedermann erreichen: aus der Masse herausragen, auffallen, etwas Besonderes sein. Diese überhöhten Ansprüche sind schuld, wenn Menschen, die in Wahrheit ein komfortables Leben führen, unzufrieden sind und sich sagen: „Da muss doch mehr für mich drin sein.“


Eine weitere Illusion vernebelt uns den Blick. Es gibt nicht den Sinn. Unsere Gesellschaft beruht auf dem Pluralismus, einer Wertevielfalt. Daher verfolgen die meisten von uns auch mehr als einen Sinn. Sie wollen gute Eltern, Mitarbeiter, Freund, Hobbysportler und so weiter sein. Es ist überhaupt nicht nötig, unter seinen Lebensinhalten einen zu favorisieren und zum Maßstab aller übrigen zu erheben. Wir können mehrere Lebenssinne verfolgen.


Warum dann nicht einfach ohne Sinn in den Tag hineinleben? Kann nicht auch ein sinn-loses Leben aufregend und zugleich herrlich entspannend sein? Der Arzt und Psychologe Viktor Frankl hat diese Frage untersucht und verneint. Als Jude im KZ hat er erlebt, dass unter schwierigen Bedingungen nur Überlebenschancen hat, wer seinem Leben einen Sinn gibt. Er will durchhalten, weil er in seinem Leben noch wichtige Aufgaben erfüllen will. Wir brauchen Werte, Sinn und Orientierungen, um unser Dasein zu meistern. Doch wir finden sie nicht durch Grübeln im stillen Kämmerlein, sondern im Zusammenwirken mit anderen. Indem wir ausprobieren, was uns wirklich wichtig ist und glücklich macht.

Veröffentlicht im April 2005 © by www.berlinx.de

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