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Starker Charakter
Wie Sie Ihre Persönlichkeit festigen
Sicher und unbeirrt seinen Weg gehen – wer möchte das nicht? Aber zugleich wollen wir flexibel und offen für Veränderungen sein. Wie Sie beides unter einen Hut kriegen, erfahren Sie bei Egonet.
Mitte Januar 2005 hatte der Deutsche Fußballbund einen neuen Skandal.
Schiedsrichter Hoyzer hat zugegeben, mehrfach gezielt der Mannschaft zum Sieg
verholfen zu haben, auf die er zuvor beim Wetten hohe Summen setzte. Um dem
in Zukunft vorzubeugen, soll bei der Auswahl der Schiedsrichter von nun an auf
Charakterstärke geachtet werden. Doch wie lässt sie sich im Voraus
feststellen?
Ein Blick in Lehrbücher der Psychologie zeigt: Die Meinungen, was einen
Charakter stark macht, gehen auseinander. Überlegen wir zunächst,
womit wir die Eigenschaft „stark“ nicht verwechseln dürfen:
· Gut: Einige der schlimmsten Diktatoren besaßen Charakterstärke
– sonst hätten sie ihre Führungsposition nie erreicht.
· Normal: Starke Naturen können durchaus extrem sein. Wer in Eiseskälte
im Alleingang hohe Berge erklimmt, muss innere Stärke besitzen. Ebenso,
wer wissenschaftliche oder sportliche Spitzenleistungen vollbringt. Ein starker
Typ kann sowohl an extremen, als auch an alltäglichen Herausforderungen
seine Kraft erproben.
· Auffällig: Glaubt man den Medien, so gibt es starke Charaktere
vor allem unter Prominenten. Äußeren Erfolg führen sie gern
auf zielbewusstes Streben und Disziplin zurück. In den meisten Fällen
ist das eine Legende. Genauso oft ist der Erfolgreiche durch günstige Umstände
und die PR-Arbeit einer tüchtigen Agentur an seine Position gelangt.
Starke Persönlichkeiten können sehr unterschiedliche Vorlieben und
Abneigungen besitzen. Die einen streben eine Karriere an und steigen schnell
in der Hierarchie nach oben. Andere beweisen ihre Stärke gerade dadurch,
dass sie sich dem gesellschaftlichen Druck, um jeden Preis Erfolg zu haben,
entziehen. Sie verzichten bewusst auf Einkommen, Ehre und Stress, um als Aussteiger
ein bescheidenes, aber selbstbestimmtes Leben zu führen.
Oft bezeichnen wir Menschen als innerlich stark, die sich von Versuchungen fern
halten. Wer bestechlich ist, einer Sucht erliegt, keinem Ehepartner treu sein
kann oder heimlich in Kasse seines Arbeitsgebers greift, um seine Schulden zu
begleichen, besitzt einen eher schwachen Charakter. Doch die Umkehrung gilt
nicht. Wer keiner dieser Sünden ertappt worden ist, muss deswegen nicht
über innere Stärke verfügen. Vielleicht ist er nur geschützt
durch:
· Angst vor Sanktionen: Mancher würde der Versuchung schon nachgeben,
aber er fürchtet sich vor den Folgen. Das können soziale Bloßstellung,
Ächtung durch Verwandte und Bekannte, aber auch Angst vor Gefängnis
oder Strafen im Jenseits sein.
· Mangel an Gelegenheit: Mancher würde schon fremd gehen –
wenn er nur attraktiver wäre und willige Geliebte kennen lernen würde.
Nicht wenige Leute, die sich über bestechliche Politiker aufregen, ärgern
sich heimlich, dass sie niemand für wert hält, bestochen zu werden.
· Mangel an Interesse: Wen Geld nicht interessiert, wird keine noch so
hohe Summe in Versuchung führen. Wer Sex langweilig und anstrengend findet,
verbringt seine Freizeit lieber vor dem Computer oder auf den Fußballplatz
statt bei einer Geliebten.
Sind jedoch Versuchungen und Interesse groß, und Sie halten dennoch unbeirrt
an Ihrem Kurs fest, beweisen Sie zweifellos Charakterstärke. Wenn Sie bei
sich folgende fünf Eigenschaften fördern und ausbauen, werden Sie
für Ihre Mitmenschen ein Fels in der Brandung sein:
Stabilität: Ob ein Mensch sich stabil oder eher labil entwickelt, bestimmen
zunächst Erbanlagen und frühkindliche Erziehung. Schon bei Säuglingen
gibt es Unterschiede: Einige können Frustrationen – zum Beispiel
Warten auf Essen – gut gelaunt und leichter ertragen als andere. Eltern,
die einen freundlich-konsequenten Erziehungsstil pflegen, fördern ebenfalls
die spätere charakterliche Stabilität. Doch auch Erwachsene können
sich selbst in Richtung Stabilität weiter entwickeln. Das heißt in
erster Linie:
· Bei Ärger Fassung bewahren, auch wenn es schwer fällt
· Sich bei Frustrationen aller Art um inneren Abstand bemühen
· Nicht spontan reagieren, sondern drei Sekunden durchatmen und dann
erst antworten.
Zielbewusstheit: Schwache Charaktere schwanken zwischen verschiedenen Lebenszielen
hin und her. Sie möchten einerseits cool auftreten, dann aber wieder Gefühle
zeigen. Heute möchten Sie munter gute Laune versprühen, morgen wollen
sie angesichts des Elends dieser Welt vornehme Zurückhaltung und einen
gepflegten Pessimismus ausstrahlen. Wer stark sein will, entscheidet sich:
· Wer bin ich wirklich?
· Was sind meine Ziele?
· Und am wichtigsten: Worauf verzichte ich, welche Mode mache ich nicht
mit?
Dann gilt es diesem eigenen Idealbild Tag für Tag nachzueifern. Dabei kann
auch einem starken Charakter mal ein Ausrutscher unterlaufen. Doch das bleibt
eine Ausnahme. Er findet schnell wieder zu seiner Ziellinie zurück.
Toleranz: So sicher sich starke Charaktere bei ihren Zielen sind – bei
ihren Mitteln sind Sie flexibel. Sie passen ihre Wege unterwegs immer wieder
an und korrigieren sich laufend anhand ihrer Erfahrungen. Zugleich beweisen
Sie hohe Toleranz gegenüber den andersartigen Zielen ihrer Mitmenschen.
Sie suchen sich zwar Verbündete, würden aber nie erwarten, dass alle
genau so denken wie sie. Nur schwache Charaktere buhlen laufend um Bestätigung
von Gleichgesinnten, da Andersdenkende ihre zerbrechlichen Überzeugungen
bedrohen. Starke Personen besitzen dagegen genügend Selbstgewissheit, um
im Notfall auch allein durchzuhalten.
Selbstdisziplin: Gute Vorsätze fasst jedermann. Aber nur starke Naturen
halten sie auch im Alltag durch. Sie können im Alleingang eine Diät
durchstehen oder ziehen bereits die Bremse, sobald die Waage das erste Kilo
zuviel anzeigt. Wenn sie den Sprung in die Selbständigkeit wagen, sind
sie in der Lage, sich immer wieder selbst zu motivieren, wenn kein Antreiber
mehr ihre Pünktlichkeit kontrolliert. Niemand ist in der Lage, ständig
das Feuer einer inneren Begeisterung am Lodern zu halten. Selbstdisziplin ist
viel einfacher zu erreichen: Sie planen Ihre Aktivitäten und Zeiten Woche
für Woche und halten sich an die selbst gesetzten Rituale.
Selbstkontrolle: Niemand ist davor gefeit, durch unvorhergesehene Schwierigkeiten
aus der Balance geworfen zu werden. Starke Typen schützen sich jedoch vor
einem Fiasko, indem sie ständig kontrollieren, wie weit sie ihre selbst
gesteckten Ziele erreicht haben. Äußere Hindernisse lassen sich relativ
einfach umgehen: Man passt die Wege zum Ziel den neuen Gegebenheiten an. Schwieriger
ist es mit den inneren Hemmschuhen. Wenn das Ziel sich mit der Zeit nun als
weniger attraktiv erweist? Wenn der Elan erlahmt, weil die Überzeugung
schwindet, dass sich der Kampf lohnt? Wenn gar neue Ziele winken? Selbstkontrolle
bedeutet dann, von einem veralteten Ziel rechtzeitig Abschied zu nehmen, und
nicht nur deswegen daran festzuhalten, weil man schon viele Anstrengungen investiert
hat. Eine schwache Natur zeigt sich in zwei Extremen:
· In genereller Unzuverlässigkeit: heute so, morgen anders
· In sturer Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Haltung.
Starke Charaktere besitzen den Mut zur Veränderung. Sie passen ihre Pläne
an, wenn die Umstände oder sie selbst sich weiter entwickeln.
Veröffentlicht im Februar 2005 © by www.berlinx.de
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