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Urlaub und doch nicht erholt
Das Leisure-Sickness-Syndrom
Sommer, südliche Sonne und Strand – haben Sie Ihre Seele baumeln lassen? Haben Sie sich entspannt? Gehen Sie voll neuem Tatendrang an Ihre Aufgaben? Wenn Ihre Antwort „Nein“ lautet: Sie sind nicht allein. Der Wechsel von Arbeit und erholsamem Jahresurlaub gelingt nur selten.
Fast jeder zweite hat Schwierigkeiten mit dem Wechsel von Arbeit und Freizeit.
Jeder drittem fällt es generell schwer, sich zu entspannen. Längst haben wir
uns angewöhnt, Probleme im Job nicht am Firmeneingang zu vergessen, sondern
zu Hause weiter zu grübeln. Sägt jemand an meinem Stuhl, während ich nicht
da bin? Plant die Firma heimlich einen Stellenabbau? Ist der Chef mit meiner
Arbeit wirklich zufrieden?
Alles halb so schlimm, wenn die Partnerschaft stabil ist und eine Stütze
bietet. Doch mit der steigenden Trennungsquote bietet auch das Privatleben
keine echte Sicherheit mehr. Manch einer stürzt sich geradezu in seine Arbeit,
um dem häuslichen Ärger zu entfliehen. Stehen beide Bereiche – Arbeit und
Privatleben – auf der Kippe, wird Entspannung unmöglich. Gerade im Urlaub
gehen viele Beziehungen in die Brüche. Vorher konnten die Partner aufkommenden
Streitigkeiten entfliehen, indem sie sich auf Ihre Arbeit konzentrierten.
Doch in den Ferien fallen alle Vorwände weg. Jetzt zeigt sich, ob die beiden
noch auf einer Wellenlänge liegen.
Krisenzeiten erzeugen eine gefährliche Anpassungsfalle. Läuft es im Job nicht
mehr so glänzend wie früher, neigen gerade wir Deutschen dazu, Krisen durch
erhöhte Anstrengungen wett zu machen. Die Kunden bleiben aus? Der Gewinn bricht
ein? Dann muss ich meine Mühen verdoppeln! Ein Italiener würde vielleicht
sagen: Meine Mühen bringen nichts mehr ein? Dann lege ich mich in die Sonne
und warte auf bessere Zeiten!
Der Wunsch, unter verschlechterten Bedingungen die alten Ergebnisse halten
(oder gar zu übertreffen), ist der Todfeind jeder Entspannung. Da kann die
Urlaubssonne noch so schön scheinen – alle Gedanken kreisen nur um die Frage:
Sollte ich nicht lieber zu Hause sein und mich kümmern? Wenn ich nun gerade
in diesen Tagen die entscheidende Chance verpasse? Das schlechte Gewissen
verdirbt die Freude an Strand und südlichem Flair. Laut Statistik verzichten
immer mehr Deutsche darauf, in ihren Urlaubstagen wegzufahren. Daran sind
nicht nur Geldmangel und Terroristenwarnungen schuld. Sondern auch die Angst,
außer Reichweite zu sein, wenn in der Firma entscheidende Weichen neu gestellt
werden.
So vernünftig die Sorge scheinen mag – der Schuss geht nach hinten los. Wer
sich nicht entspannt, dem fehlt später die Kraft, souverän alle Krisen zu
meistern. Psychologen sprechen von der „Freizeitkrankheit“, dem Leisure-Sickness-Syndrom.
Warnzeichen sind: Ausbruch psychosomatischer Erkrankungen im Urlaub, Freizeitstress
(Hobbys im Dienst des Jobs oder unter Nützlichkeits- oder Leistungsblickwinkel
ausüben) und allgemeine Lustlosigkeit.
Zuerst erhöhte Anstrengung, doch nach einiger Zeit lässt die Leistungsfähigkeit
nach. Die Motivation sinkt („Null Bock“), man flüchtet sich in Krankschreibungen
und Ausreden vor jeder Anstrengung. Kein Wunder: Ich gönne mir nichts, und
trotzdem hält die Unsicherheit an. Das ist nicht gerade ermutigend. Dennoch
sind wir der Anpassungsfalle nicht hilflos ausgeliefert:
- Lernen Sie, sich im Alltag zu entspannen. Jede Art von Fitness ist ideal,
denn sie gibt Ausdauer und schaltet das Grübeln im Kopf ab. Wichtig: nicht
nach Stoppuhr trainieren, sondern einfach dem inneren Rhythmus folgen. Auf
das Tun kommt es an, nicht auf das Ergebnis.
- Wenn Sie das nächste Mal im Urlaub verreisen, dann mindestens drei Wochen
am Stück. Psychologen fanden heraus, dass wir zwei Wochen benötigen, um
gänzlich auf Erholung umzuschalten. Wer seinen Urlaub sportlich-aktiv gestaltet,
beschleunigt die Umstellung und beugt ängstlichen Grübeleien, was inzwischen
zu Hause passiert, wirkungsvoll vor.
- Nehmen Sie sich wichtig. Ihre Arbeit ist für Sie da – nicht Sie für die
Arbeit. Sie werden immer wieder mal eine Chance verpassen, dafür auch öfter
einer neuen Gelegenheit begegnen. Eine dreiwöchige Abwesenheit wirft niemanden
aus der Bahn. Viele vereinbaren, dass ein guter Kollege im Ernstfall anruft.
Souveräner handeln Sie, wenn Sie ohne Rückversicherung auskommen.
September 2004 © by www.berlinx.de
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