Stellen Sie sich vor, eines
Abends ruft Ihre beste Freundin bei Ihnen an und sagt: "Also, ich
wollte dir nur Adieu sagen. Es hat keinen Sinn mehr. Ich werde mich jetzt
aus dem Fenster stürzen. Bitte, versuch nicht, mich zurückzuhalten.
Hab Dank für alles und laß es dir gut gehen. Tschüs."
Ihre Freundin ist bereits im Begriff den Hörer aufzulegen. Sie
kennen sie gut genug, um zu wissen, daß sie durchaus imstande
ist, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Ihnen bleiben höchstens
zwei Sekunden, um den entscheidenden, magischen Satz zu sagen, der sie
im letzten Moment von ihrem fatalen Entschluß abbringt. Wie werden
Sie antworten?
Bevor Sie weiterlesen, überlegen Sie sich in Ruhe, wie Sie in
dieser Situation reagieren würden. Da es sich um eine Übung
und nicht um den Ernstfall handelt, können Sie sich ruhig mehr
Zeit als zwei Sekunden lassen. Schreiben Sie Ihre Antwort auf einen
Zettel und lesen Sie dann weiter.
Fertig? Dann überprüfen Sie jetzt, welcher der folgenden
Varianten Ihre Antwort am ehesten ähnelt. Die meisten Menschen
neigen dazu, ihr Entsetzen über dieses tödliche Vorhaben der
Freundin unmittelbar zurückzumelden und dabei kundzutun, was sie
davon halten, zum Beispiel: "Halt, warte einen Moment! Hör
zu, was auch passiert sein mag, es muß doch noch eine andere Lösung
geben! Ist dir dieser Schuft tatsächlich davon gelaufen? Glaub
mir, kein Mann ist es wert, daß man seinetwegen .... Bist du noch
dran?"
Bei dieser Reaktion suchen Sie nach einer Erklärung für die
Selbstmordabsicht. In unserem Beispiel ist es die Vermutung, der Lebensgefährte
könnte davongelaufen sein. Ein anderer würde vielleicht Ärger
mit der Arbeitsstelle, Vereinsamung oder einfach Lebensüberdruß
vermuten. Auf jeden Fall folgt der Interpretation der
Suiziddrohung sofort die Wertung, daß - was auch
immer der Grund für den beabsichtigten Fenstersprung sein mag -
dieser Grund eine so extreme Reaktion auf keinen Fall rechtfertigt.
Nun versetzen Sie sich für einen Moment gedanklich in die Situation
der Freundin, die so verzweifelt ist, daß sie ihrem Leben ein
Ende setzen möchte. Wie würde sie den Appell aufnehmen? Falls
die Interpretation und Wertung zutreffen, daß es der Kerl eigentlich
nicht wert ist und man so etwas nicht tut, dann hat sie sich das selbst
bestimmt schon einige hundert Mal gesagt. Aber sie ist so verzweifelt
und ohne ihn weiterzumachen, erscheint so sinnlos! Bloß nicht
mehr daran denken zu müssen! Und der Partner am Telefon hat auch
nur Appelle an die Vernunft zu bieten. Der kann eben nicht verstehen,
was wirklich abgrundtiefe Verzweiflung bedeutet. Also sagt sie: "Ich
wünsche dir, daß du nie derart gemein behandelt wirst. Mach's
gut."
Vielleicht haben Sie auf die Selbstmorddrohung aber so reagiert: "Moment
mal, bleib ganz ruhig: Ich weiß, es gibt Situationen, da möchte
man am liebsten mit allem Schluß machen. Das kann jedem mal passieren.
Aber das vergeht wieder, glaub mir. Ich kenn' dich doch, du hast dich
bis jetzt immer aus deinen Schwierigkeiten herausgewunden. Paß
auf, du setzt dich jetzt hin, in zehn Minuten bin ich bei dir, und dann
reden wir über alles in Ruhe. Du wirst sehen, schon morgen lachst
du darüber."
In diesem Fall versuchen Sie, Ihre Freundin zu ermutigen und zu beruhigen.
Wie wird sie diese Worte aufnehmen? Versetzen Sie sich wieder gedanklich
in Ihre Lage. Mit der Selbstmordankündigung hat sie Ihnen offenbart,
daß sie sich vollkommen hilflos fühlt. Sie aber haben bestritten,
daß sie einen Grund hat, so niedergeschmettert zu sein. Sie haben
das Problem bagatellisiert, seine Schwere in bester Absicht
heruntergespielt und versucht zu trösten. Ihre Freundin
muß den Eindruck gewinnen, daß Sie ihr nicht glauben, daß
es ihr tödlich ernst ist. Also wird sie sagen "Ich danke dir
für deine netten Worte, aber diesmal kann mir niemand mehr helfen".
Um nach Auflegen des Hörers zu beweisen, wie ernst es ihr
ist.
Wie wäre es, wenn Sie die Ankündigung Ihrer Freundin mit
einer Art Galgenhumor nehmen? Etwa: "Leg bitte noch deinen Wohnungsschlüssel
unter die Matte, damit wir nachher nicht die Tür aufbrechen müssen."
Oder: "Spring bitte hinten 'raus, sonst verletzt du noch jemanden,
der unten vorbei geht."
Bei einer Blitzumfrage unter Bekannten wurden solche paradoxen
Antworten ziemlich oft genannt. (Im tatsächlichen Leben benutzt
sie kaum jemand.) Der Versuch, einem Verzweifelten auf diese Weise einen
Realitätsschock zu versetzen, kann in Ausnahmefällen erfolgreich
sein. Der bekannte Psychologe Paul Watzlawick erzählt im Vorwort
zu einem Lehrbuch von Everstine ("Krisentherapie", Stuttgart
1992) folgende Begebenheit, die sich in seiner Kindheit in Österreich
zutrug: Ein Gendarm sah, wie ein Mann in der Absicht, sich das Leben
zu nehmen, in die Donau sprang. Er richtete das Gewehr auf den Selbstmörder
und rief: "Kommen Sie augenblicklich heraus, oder ich schieße!"
Der Mann schwamm ans Ufer.
Ein solches Vorgehen sollte jedoch einem professionelle Therapeuten
vorbehalten bleiben, denn es setzt voraus, daß er die seelische
Verfassung seines Patienten genau einschätzen kann und weiß,
was zu tun ist, wenn sich der Betreffende anders verhält als erwartet.
Wenn sie mit ihrer Freundin so reden, ist die Wahrscheinlichkeit groß,
daß sie dies nur als Beweis Ihrer Gefühllosigkeit nimmt und
sich in der Absicht bestätigt sieht, von der feindlichen Welt Abschied
zu nehmen. Tatsächlich gibt fast niemand im Ernstfall paradoxe
Antworten, so interessant sie sich im Gedankenexperiment auch ausnehmen.
Sollten Sie eine energische Persönlichkeit sein, neigen Sie eventuell
dazu, die Dinge sofort in die eigene Regie zu nehmen. Sie geben Ihrer
Freundin Anweisungen, wie sie handeln soll. Zum Beispiel: "Ich
verstehe. Paß auf, sobald wir aufgelegt haben, gehst du in die
Küche und machst dir erst mal einen starken Tee. Hörst du?
Dann setzt du dich an deinen Küchentisch und trinkst ihn in Ruhe,
bis ich eintreffe. Versprich mir, daß du bis dahin keine Dummheiten
machst. In Ordnung? Wir gehen dann zusammen zu 'Johnny's Pinte' und
werden uns so richtig einen ansaufen. Wie in alten Zeiten. Okay? Also
leg jetzt schön den Hörer auf und bleib bloß vom Fenster
weg, ja? Du gehst geradewegs zur Küche ..."
Sollten Sie einen großen Einfluß auf Ihre Freundin haben
und sie in diesem Moment so willenlos sein, daß sie ohne nachzudenken
Ihren Anweisungen folgt, haben Sie mit diesem Vorgehen möglicherweise
Erfolg. Jedoch das Risiko ist sehr groß, daß sie zwar den
Hörer auflegt, aber danach sofort durch das Fenster geht. Sie geben
der Freundin Ihre Lösung vor, ohne zu fragen, ob sie in ihrer verzweifelten
Situation für Ihre Vorschläge überhaupt empfänglich
ist. In der Psychotherapie bezeichnet man ein solches Verhalten als
direktiv. Therapeuten werden darin ausgebildet, direktive
Vorgehensweisen zu vermeiden, weil Menschen mit Problemen dazu neigen,
direkten Anweisungen Widerstand entgegenzusetzen - selbst dann, wenn
sie scheinbar den Anordnungen folgen. Dann tun sie es so widerwillig,
daß ein Mißerfolg eintritt, womit dann bewiesen wäre,
daß die Anordnung falsch war.
Eine fünfte Reaktionsmöglichkeit bestände darin, daß
Sie fragen: "Du willst dich aus dem Fenster stürzen? Aber
warum denn nur, um Himmels willen?"
Sie halten sich mit Bewertungen zurück und versuchen zunächst,
die Gründe zu erforschen. Diese Variante ist besser
als die vorigen. Sie haben erkannt, daß es zunächst darauf
ankommt, das Gespräch in Gang zu halten. Sie müssen erreichen,
daß Ihre Freundin am Telefon bleibt. Solange sie redet, kann sie
nicht springen. Möglicherweise ist sie aber so durcheinander, daß
sie gar nicht in der Lage ist, einen Grund für Ihr Vorhaben anzugeben.
Viele Kleinigkeiten haben sich summiert und sie zu ihrer Verzweiflungstat
getrieben. Oder sie will einfach nicht über die Gründe reden,
weil sie weiß, daß Sie nur versuchen würden, Ihr das
Vorhaben auszureden. Dann bekommen Sie keine Antwort auf Ihre Frage,
sondern sie sagt: "Was soll's. Du würdest es doch nicht verstehen.
Mach's gut."
Die sechste Möglichkeit wäre, daß Sie sagen: "Um
Gottes willen, was ist passiert? Du klingst sehr verzweifelt."
Sie befragen und interpretieren nicht die Gründe, sondern reagieren
auf der Gefühlsebene. Sie sagen nicht, wie Ihre Freundin sich Ihrer
Meinung nach verhalten sollte, sondern zeigen zunächst, daß
Sie von Ihrer Mitteilung sehr betroffen sind und ihre Gefühle verstanden
haben. Wohlgemerkt: Sie sagen damit nicht, daß Sie sich ebenfalls
umbringen würden, wenn Sie in der Lage Ihrer Freundin wären.
Sie ermutigen sie nicht, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Aber indem
Sie ihre Verzweiflung ansprechen, teilen Sie ihr mit, daß Sie
versuchen, Ihre Lage zu verstehen.
Auf eine solche Rückmeldung der Gefühlslage, die Sie auf
der Selbstmorddrohung herausgehört haben, reagiert fast jeder aufgeschlossen.
Das heißt, Ihre Freundin wird nicht einfach ja sagen und auflegen,
sondern Ihnen erklären, warum sie so verzweifelt ist. Wenn Sie
in diesem gefühlsorientierten, nicht-direktiven Stil
fortfahren, auf die Erklärungen Ihrer Freundin zu reagieren, können
Sie das Gespräch in Gang halten und Ihrer Partnerin helfen, sich
ihre Verzweiflung von der Seele zu reden.
Vielleicht werden Sie an dieser Stelle einwenden: "Daß jemand,
der sich umbringen will, verzweifelt ist, ist doch eine Banalität.
Wenn ich sie ausspreche, habe ich nichts gewonnen." Als Außenstehender,
der die Dinge versucht, sachlich und ruhigen Gemüts zu betrachten,
hätten Sie natürlich recht. Aber ein Mensch in einer seelischen
Krise ist alles andere als ruhig und "objektiv". Er fühlt
sich unverstanden und von gleichgültigen oder sogar feindlichen
Zeitgenossen umgeben. Er sucht geradezu nach Verständnis. Deshalb
genügt es nicht, daß Sie sagen: "Ich verstehe dich."
Sie müssen vielmehr beweisen, daß Sie sich in ihr
Gegenüber einfühlen können, indem Sie die belastenden
Gefühle, die in dem Gesagten mitschwingen, aussprechen.
Haben Sie erkannt, welche der sechs Reaktionsmöglichkeiten Sie
bevorzugen? Sollte es eine der erstgenannten Varianten sein - nehmen
Sie es nicht als Kritik an Ihren Gesprächsgewohnheiten! Jeder der
genannten Stile hat im Alltag seine Berechtigung. Das Leben wäre
langweilig, wenn wir alle in jeder Lebenslage auf dieselbe Weise reagieren
würden. Eine psychische Erste-Hilfe-Situation ist allerdings kein
normaler Alltag. Viele Dinge, die den üblichen Umgang miteinander
kennzeichnen - Meinungsstreit, Appelle an die Vernunft, sich wechselseitig
über Sachverhalten informieren, einander necken, witzeln, Vorwürfe,
Rechtfertigungen, Fragen, - werden dann bedeutungslos oder sind sogar
schädlich.
Psychologisch hat Helfen folgende seelische Wirkungen:
- Seelenhygiene. Wer anderen beisteht, baut eigene Ängste
und Spannungen ab, Die Konzentration auf fremdes elend läßt
die eigenen Sorgen an Gewicht verlieren.
- Hochgefühle. Wer einer konkreten Person Beistand leistet,
weckt in sich Empfindungen wie Wärme, Begeisterung und Tatkraft.
Man wird aktiv, läßt ungünstige Umstände nicht
passiv auf sich wirken. Wir fühlen uns gut, wenn wir handeln,
wenn wir Veränderungen auslösen. Es stärkt unser Selbstwertgefühl,
wenn wir Gutes tun.
- Innere Gelassenheit. Wer hilft, wird ausgeglichener und gewinnt
an Zuversicht. Der Helfende erfährt, daß er gebraucht wird.
Das macht stark.
Hilfe benötigt nicht unbedingt das große Engagement, und
es muß nicht immer um Leben und Tod gehen. Wem es gelingt, einer
Freundin oder einem Freund in einer Beziehungskrise beizustehen, wer
die richtigen Worte findet, wenn sie oder er eine katastrophale Nachricht
erhielt, hat bereits einen wichtigen Beitrag für eine besseres
Miteinander geleistet.
Erfolgreicher Beistand beinhaltet nicht nur Verständnis, sondern
auch Hilfe zur Selbsthilfe. In einem bekannten Spruch heißt es:
Einem Hungrigen Fische geben, ist gut. Ihm eine Angel schnitzen, ist
besser. Ihm beibringen, selbst eine Angel zu schnitzen, ist perfekt.
Dieser Beitrag ist ein gekürztes Kapitel aus dem Buch (siehe auch
unseren Beitrag in EGONet 7/8/1998):
Frank Naumann: Erste
Hilfe für die Seele. Verlag Gesundheit Berlin 1996. DM 29,90
ISBN 3-333-00759-2
Das Buch enthält alles, was man über seelischen Beistand
wissen muß einschließlich Anleitungen für erfolgreiche
Gesprächstechniken und konkreter Tips für die typischen Notfälle
wie: Trauer, Partnerschaftskrisen, Konflikte mit Kindern, Überfälle
in der U-Bahn, Verlassenwerden, Ängste, Depression usw.