Der Partner beschwert sich
über Ihr Essen, der Chef macht Ihre Arbeit vor versammelter
Mannschaft nieder - kritische Situationen gehören nicht
gerade zu den Sternstunden des Lebens. Vergleichen Sie einmal
folgende Äußerungen miteinander:
| A |
B |
| Ich möchte
einmal erleben, daß du pünktlich fertig wirst. |
Wenn du noch
fünf Minuten länger brauchst, erreichen wir unseren
Bus nicht mehr. |
| Meine achtjährige
Tochter würde das mit links schaffen. |
Sieben Rechtschreibfehler
auf zwei Seiten. Ich erwarte, daß Sie mir einen fehlerfreien
Text abliefern. |
| Immer das
Gleiche mit dir! |
Du hast es
versprochen und wieder vergessen. |
Was unterscheidet die Sätze voneinander? Bei den A-Sätzen
handelt es sich um unfaire Angriffe, bei den B-Sätzen um
sachliche Kritik. Beides kann weh tun. Aber nur die B-Sätze
sind geeignet, bestehende Probleme aus der Welt zu schaffen.
Lob baut uns auf, Tadel reißt uns nieder. Nicht nur Vorgesetzte
im Job, auch der/die Geliebte und andere nahestehende Menschen
versetzen unserem Selbstbewußtsein gelegentlich empfindliche
Schläge. Dabei geben wir uns soviel Mühe! Warum sind die
andern nur so undankbar?
Wer in der Kindheit viel Ermutigung und Anerkennung empfing,
dem fällt es später nicht schwer, entspannt mit Kritik umzugehen.
Tadel trifft den besonders empfindlich, an dessen Seele
schon lange heimliche Selbstzweifel nagen. Wer nicht auf
der Sonnenseite aufgewachsen ist, versucht später:
·
sich jede Kritik von vornherein zu verbitten. Als Selbstschutzmechanismus
zwar menschlich verständlich, aber dennoch ein schwerer
Fehler. Denn Kritik liefert wichtige Rückmeldungen, wie
unser Verhalten bei den Mitmenschen ankommt. Ein glückliches
Miteinander ist nicht möglich ohne ständiges Abgleichen
der Erwartungen und Handlungen. Wer für Kritik grundsätzlich
nicht zugänglich ist, um den wird es bald sehr einsam. Ein
typisches Beispiel sind Vorgesetzte, die auf kritische Bemerkungen
von Mitarbeitern ungnädig reagieren. Da sie jede unliebsame
Äußerung kraft Ihrer Stellung in der Hierarchie verbieten
können, werden sie von Gesprächen der Mitarbeiter über Probleme
in der Abteilung ausgeschlossen. Sie glauben dann, ihr Job
mache sie einsam. Sie merken nicht, daß ihr Verhalten schuld
ist - weil niemand wagt, es ihnen zu sagen.
·
Der Kritik mit Perfektionismus vorzubeugen. Wer sich kritischen
Bemerkungen nicht entziehen kann, versucht oft, jeden Anlaß
für Kritik zu vermeiden. Alles Denken kreist nur noch darum,
allen möglichen Fallen auszuweichen. Unbefangenheit und
Spontaneität gehen verloren. Die Absicherung nimmt soviel
Energie in Anspruch, daß für Wagnisse und Kreativität keine
Kraft mehr bleibt. Das Ergebnis: trotz Überarbeitung und
Stress nur minimale Leistung. Die Motivation sinkt gegen
Null.
Der Ausweg: Anerkennen, daß Kritik zum Leben gehört wie
Regen zum Herbst. Nicht alle Kritik trifft fehlerhaftes
Verhalten. Da wir Menschen uns charakterlich unterscheiden,
sind auch unsere Erwartungen aneinander verschieden. Was
der eine an mir mag, findet ein anderer kritikwürdig. Kritik
sagt mir nicht nur etwas über mich, sondern auch über den,
der sie äußert. Wer souverän ist, wird deshalb einen Tadel
nicht einfach zurückweisen, sondern sich erkundigen, welche
Erwartungen hinter der Rüge stehen.
Dabei kommt es nicht nur auf den Ton an. Auch sachliche
Kritik kann im Tonfall der Wut daherkommen, wenn der andere
zornig ist. Der Unterschied besteht vielmehr in folgendem:
1.
Unfairer Angriff: Die Kritik verurteilt die
ganze Person in Bausch und Bogen. Typisch dafür sind Behauptungen,
Sie würden ein Verhalten "immer" oder "nie" zeigen ("Immer
kommst du zu spät" - "Nie machst du von dir aus sauber").
Maßlose Übertreibungen ("Jeder Säugling kann das besser")
und abwertende Qualifizierungen Ihrer Gesamtkompetenz ("So
einen Versager wie dich habe ich überhaupt noch nicht erlebt").
2.
Sachliche Kritik: Der Tadel bezieht sich
auf ein einzelnes, konkretes Verhalten. Auf Nachfrage kann
die Kritik begründet werden. Beispiele:
* "Sie haben versprochen, diese Sache bis heute früh abzuschließen."
Begründung: "Da Sie Ihre Arbeit nicht rechtzeitig abliefern,
geraten wir in Terminverzug, wodurch unserer Firma eine
Vertragsstrafe droht."
* "Konntest du nicht vorher Bescheid sagen?" Begründung:
"Ich hatte mich so auf den freien Abend gefreut. Nun muß
ich noch mal los, um das Geschenk für morgen zu besorgen."
* "Was heißt hier, keine Ahnung!" Begründung: "Ohne den
genauen Abflugtag kann ich nicht zusagen. Mein Chef will
ganz genau wissen, wann ich frei haben will."
Vor allem, wenn der Angriff unerwartet erfolgt, fällt es
schwer, sachlich zu bleiben. Deswegen bei jeder Kritik:
Erst einmal langsam durchatmen und drei Sekunden verstreichen
lassen, bevor Sie antworten.
Oft erkennen Sie nicht gleich, ob es sich um sachliche
Kritik oder einen unfairen Angriff handelt. Was Sie auch
zu hören bekommen - versuchen Sie in Ihrer Entgegnung das
Gespräch auf jeden Fall auf die sachliche Ebene zu ziehen.
Das ist gar nicht schwer. Statt sofort die Kritik abzuwehren
("Das siehst du falsch" - "Das ist nicht meine Schuld"),
lassen Sie sich die Kritik genauer erläutern: "Einen Moment,
bitte. Kannst du mir genauer erklären, was du meinst (...
was ich deiner Meinung nach falsch gemacht habe)?"
Sie werden staunen. Wer gezwungen ist, seine Kritik zu
erläutern, fängt sofort an, sie abzumildern. Beispiel: "Wieso
habe ich auf der ganzen Linie versagt?" - "Weil wir nun
nicht rechtzeitig fertig werden. Sicher, ich hätte eher
mal nachfragen können, wie weit du bist, aber ich habe gedacht,
du sagst von dir aus was, wenn du Probleme bekommst ..."
Besonders bei Pauschalurteilen ist es wichtig nachzufragen,
auf welche Ihrer Handlungen sich der Tadel eigentlich bezieht.
Bei einem einzelnen Verhalten fällt es leichter, eine Verfehlung
zuzugeben und sich zu entschuldigen: "Tut mir leid. Ich
habe nicht geahnt, daß diese Sache für dich so wichtig ist."
Fügen Sie hinzu: "Wie kann ich den Schaden wieder gut machen?"
In aller Regel wird der Kritiker mit einer Entschuldigung
zufrieden sein.
Viele Kritikpunkte gewinnen erst an Größe, weil der Kritisierte
keinen Millimeter weit nachgeben will. Es geht ihm weniger
darum, in jeder Kleinigkeit Recht zu behalten. Sondern er
will sein Gesicht nicht verlieren. Einen Fehler einzugestehen
ist für ihn ein Zeichen von Schwäche. Doch gerade dieser
Eigensinn macht ihn verletzbar. Wer unfehlbar dastehen möchte,
dem kann leicht nachgewiesen werden, daß er Fehler begeht
wie jeder andere auch. Wer dagegen anerkennt, daß er Fehler
begeht, ist durch Kritik nicht zu erschüttern: "Gut, vielleicht
habe ich einen Fehler gemacht. Was soll ich deiner Meinung
nach tun?"
Hören Sie sich den Vorschlag Ihres Kritikers an. Es steht
Ihnen dann immer noch frei, anders zu entscheiden.
Wer kritisiert wird, denkt häufig, der Kritiker genieße
seinen Triumph, uns einen Fehler unter die Nase reiben zu
können. In den meisten Fällen ist das Gegenteil der Fall.
Denken Sie an sich selbst. Wenn Sie einen guten Freund oder
einen Kollegen kritisieren sollen - ist Ihnen das angenehm?
Gerade weil wir wissen, daß Kritiker nicht beliebt sind,
wünschen wir uns oft, ein anderer würde diese unangenehme
Aufgabe übernehmen.
Sie können sich eine gefährliche Konfrontation ersparen,
wenn Sie beim Kritisieren so vorgehen:
·
Danken Sie dem andern für seine Mühe; Bereitschaft oder
den guten Willen und fügen Sie hinzu, eine Sache wäre Ihrer
Ansicht noch zu verbessern.
·
Sagen Sie, daß Sie mit einer bestimmten Verhaltensweise
Probleme haben. Fragen Sie Ihr Gegenüber nach seinen Gründen
und ob er für Ihr Problem einen Lösungsvorschlag hat.
·
Wenn der Partner uneinsichtig bleibt: Fragen Sie ihn, ob
er etwas dagegen hat, wenn Sie dann Ihr Verhalten so ändern,
daß Sie mit seinem Verhalten besser zurechtkommen, und zwar
folgendermaßen ... Wenn der Partner an einem konfliktfreien
Zusammenleben mit Ihnen interessiert ist, wird er sein Verhalten
daraufhin noch einmal überdenken. Wenn nicht: Ziehen Sie
die angekündigte Konsequenz.
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