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Kritik

Über den Umgang mit Vorwürfen, Tadel und unfairen Angriffen

Ausgabe Oktober 2002 /5.Jahrgang

 

Mit „Tod eines Kritikers“ veröffentlichte Starautor Martin Walser zu Beginn des Sommers einen wohlkalkulierten Bestseller voll sprachgewaltiger Haßtiraden und verwandelte seine Unfähigkeit, Kritik zu ertragen, in klingenden Münze. Und wer diese Chance nicht hat? Wie Sie es schaffen, sich nicht unterkriegen zu lassen, erfahren Sie bei EGO-Net.

 

Der Partner beschwert sich über Ihr Essen, der Chef  macht Ihre Arbeit vor versammelter Mannschaft nieder - kritische Situationen gehören nicht gerade zu den Sternstunden des Lebens. Vergleichen Sie einmal folgende Äußerungen miteinander:

A

B

Ich möchte einmal erleben, daß du pünktlich fertig wirst.

Wenn du noch fünf Minuten länger brauchst, erreichen wir unseren Bus nicht mehr.

Meine achtjährige Tochter würde das mit links schaffen.

Sieben Rechtschreibfehler auf zwei Seiten. Ich erwarte, daß Sie mir einen fehlerfreien Text abliefern.

Immer das Gleiche mit dir!

Du hast es versprochen und wieder vergessen.

Was unterscheidet die Sätze voneinander? Bei den A-Sätzen handelt es sich um unfaire Angriffe, bei den B-Sätzen um sachliche Kritik. Beides kann weh tun. Aber nur die B-Sätze sind geeignet, bestehende Probleme aus der Welt zu schaffen.

Lob baut uns auf, Tadel reißt uns nieder. Nicht nur Vorgesetzte im Job, auch der/die Geliebte und andere nahestehende Menschen versetzen unserem Selbstbewußtsein gelegentlich empfindliche Schläge. Dabei geben wir uns soviel Mühe! Warum sind die andern nur so undankbar?

Wer in der Kindheit viel Ermutigung und Anerkennung empfing, dem fällt es später nicht schwer, entspannt mit Kritik umzugehen. Tadel trifft den besonders empfindlich, an dessen Seele schon lange heimliche Selbstzweifel nagen. Wer nicht auf der Sonnenseite aufgewachsen ist, versucht später:

·       sich jede Kritik von vornherein zu verbitten. Als Selbstschutzmechanismus zwar menschlich verständlich, aber dennoch ein schwerer Fehler. Denn Kritik liefert wichtige Rückmeldungen, wie unser Verhalten bei den Mitmenschen ankommt. Ein glückliches Miteinander ist nicht möglich ohne ständiges Abgleichen der Erwartungen und Handlungen. Wer für Kritik grundsätzlich nicht zugänglich ist, um den wird es bald sehr einsam. Ein typisches Beispiel sind Vorgesetzte, die auf kritische Bemerkungen von Mitarbeitern ungnädig reagieren. Da sie jede unliebsame Äußerung kraft Ihrer Stellung in der Hierarchie verbieten können, werden sie von Gesprächen der Mitarbeiter über Probleme in der Abteilung ausgeschlossen. Sie glauben dann, ihr Job mache sie einsam. Sie merken nicht, daß ihr Verhalten schuld ist - weil niemand wagt, es ihnen zu sagen.

·       Der Kritik mit Perfektionismus vorzubeugen. Wer sich kritischen Bemerkungen nicht entziehen kann, versucht oft, jeden Anlaß für Kritik zu vermeiden. Alles Denken kreist nur noch darum, allen möglichen Fallen auszuweichen. Unbefangenheit und Spontaneität gehen verloren. Die Absicherung nimmt soviel Energie in Anspruch, daß für Wagnisse und Kreativität keine Kraft mehr bleibt. Das Ergebnis: trotz Überarbeitung und Stress nur minimale Leistung. Die Motivation sinkt gegen Null.

Der Ausweg: Anerkennen, daß Kritik zum Leben gehört wie Regen zum Herbst. Nicht alle Kritik trifft fehlerhaftes Verhalten. Da wir Menschen uns charakterlich unterscheiden, sind auch unsere Erwartungen aneinander verschieden. Was der eine an mir mag, findet ein anderer kritikwürdig. Kritik sagt mir nicht nur etwas über mich, sondern auch über den, der sie äußert. Wer souverän ist, wird deshalb einen Tadel nicht einfach zurückweisen, sondern sich erkundigen, welche Erwartungen hinter der Rüge stehen.

Dabei kommt es nicht nur auf den Ton an. Auch sachliche Kritik kann im Tonfall der Wut daherkommen, wenn der andere zornig ist. Der Unterschied besteht vielmehr in folgendem:

1.     Unfairer Angriff: Die Kritik verurteilt die ganze Person in Bausch und Bogen. Typisch dafür sind Behauptungen, Sie würden ein Verhalten "immer" oder "nie" zeigen ("Immer kommst du zu spät" - "Nie machst du von dir aus sauber"). Maßlose Übertreibungen ("Jeder Säugling kann das besser") und abwertende Qualifizierungen Ihrer Gesamtkompetenz ("So einen Versager wie dich habe ich überhaupt noch nicht erlebt").

2.     Sachliche Kritik: Der Tadel bezieht sich auf ein einzelnes, konkretes Verhalten. Auf Nachfrage kann die Kritik begründet werden. Beispiele:
* "Sie haben versprochen, diese Sache bis heute früh abzuschließen." Begründung: "Da Sie Ihre Arbeit nicht rechtzeitig abliefern, geraten wir in Terminverzug, wodurch unserer Firma eine Vertragsstrafe droht."
* "Konntest du nicht vorher Bescheid sagen?" Begründung: "Ich hatte mich so auf den freien Abend gefreut. Nun muß ich noch mal los, um das Geschenk für morgen zu besorgen."
* "Was heißt hier, keine Ahnung!" Begründung: "Ohne den genauen Abflugtag kann ich nicht zusagen. Mein Chef will ganz genau wissen, wann ich frei haben will."

Vor allem, wenn der Angriff unerwartet erfolgt, fällt es schwer, sachlich zu bleiben. Deswegen bei jeder Kritik: Erst einmal langsam durchatmen und drei Sekunden verstreichen lassen, bevor Sie antworten.

Oft erkennen Sie nicht gleich, ob es sich um sachliche Kritik oder einen unfairen Angriff handelt. Was Sie auch zu hören bekommen - versuchen Sie in Ihrer Entgegnung das Gespräch auf jeden Fall auf die sachliche Ebene zu ziehen. Das ist gar nicht schwer. Statt sofort die Kritik abzuwehren ("Das siehst du falsch" - "Das ist nicht meine Schuld"), lassen Sie sich die Kritik genauer erläutern: "Einen Moment, bitte. Kannst du mir genauer erklären, was du meinst (... was ich deiner Meinung nach falsch gemacht habe)?"

Sie werden staunen. Wer gezwungen ist, seine Kritik zu erläutern, fängt sofort an, sie abzumildern. Beispiel: "Wieso habe ich auf der ganzen Linie versagt?" - "Weil wir nun nicht rechtzeitig fertig werden. Sicher, ich hätte eher mal nachfragen können, wie weit du bist, aber ich habe gedacht, du sagst von dir aus was, wenn du Probleme bekommst ..."

Besonders bei Pauschalurteilen ist es wichtig nachzufragen, auf welche Ihrer Handlungen sich der Tadel eigentlich bezieht. Bei einem einzelnen Verhalten fällt es leichter, eine Verfehlung zuzugeben und sich zu entschuldigen: "Tut mir leid. Ich habe nicht geahnt, daß diese Sache für dich so wichtig ist." Fügen Sie hinzu: "Wie kann ich den Schaden wieder gut machen?" In aller Regel wird der Kritiker mit einer Entschuldigung zufrieden sein.

Viele Kritikpunkte gewinnen erst an Größe, weil der Kritisierte keinen Millimeter weit nachgeben will. Es geht ihm weniger darum, in jeder Kleinigkeit Recht zu behalten. Sondern er will sein Gesicht nicht verlieren. Einen Fehler einzugestehen ist für ihn ein Zeichen von Schwäche. Doch gerade dieser Eigensinn macht ihn verletzbar. Wer unfehlbar dastehen möchte, dem kann leicht nachgewiesen werden, daß er Fehler begeht wie jeder andere auch. Wer dagegen anerkennt, daß er Fehler begeht, ist durch Kritik nicht zu erschüttern: "Gut, vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Was soll ich deiner Meinung nach tun?"

Hören Sie sich den Vorschlag Ihres Kritikers an. Es steht Ihnen dann immer noch frei, anders zu entscheiden.

Wer kritisiert wird, denkt häufig, der Kritiker genieße seinen Triumph, uns einen Fehler unter die Nase reiben zu können. In den meisten Fällen ist das Gegenteil der Fall. Denken Sie an sich selbst. Wenn Sie einen guten Freund oder einen Kollegen kritisieren sollen - ist Ihnen das angenehm? Gerade weil wir wissen, daß Kritiker nicht beliebt sind, wünschen wir uns oft, ein anderer würde diese unangenehme Aufgabe übernehmen.

Sie können sich eine gefährliche Konfrontation ersparen, wenn Sie beim Kritisieren so vorgehen:

·       Danken Sie dem andern für seine Mühe; Bereitschaft oder den guten Willen und fügen Sie hinzu, eine Sache wäre Ihrer Ansicht noch zu verbessern.

·       Sagen Sie, daß Sie mit einer bestimmten Verhaltensweise Probleme haben. Fragen Sie Ihr Gegenüber nach seinen Gründen und ob er für Ihr Problem einen Lösungsvorschlag hat.

·       Wenn der Partner uneinsichtig bleibt: Fragen Sie ihn, ob er etwas dagegen hat, wenn Sie dann Ihr Verhalten so ändern, daß Sie mit seinem Verhalten besser zurechtkommen, und zwar folgendermaßen ... Wenn der Partner an einem konfliktfreien Zusammenleben mit Ihnen interessiert ist, wird er sein Verhalten daraufhin noch einmal überdenken. Wenn nicht: Ziehen Sie die angekündigte Konsequenz.

 

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