EGO-NET.de
Ausgabe 10/2000
Wann ist ein Greuel ein "Gräuel"?
Warum EGO-Net (zumindest vorläufig) bei der alten Rechtschreibung bleibt

Ende Juli entschied sich die Frankfurter Allgemein Zeitung (F.A.Z.), die wie alle Medien die neue Rechtschreibung eingeführt hatte, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Steckt dahinter mehr als das Herummosern konservativer Intellektueller, die sich eine überholte Tradition berufen und Neuerungen mißtrauen?
 
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Es ist so eine Sache mit dem Protest gegen Neuerungen. Der Eiffelturm wurde einst von führenden Intellektuellen Frankreichs (zum Beispiel dem Schriftsteller Guy de Maupassant) als Kulturschande angesehen. Heute würde sich ein Sturm der Entrüstung erheben, wollte plötzlich jemand das Wahrzeichen von Paris abreißen. Könnte es mit der Rechtschreibung nicht ähnlich gehen? Nobelpreisträger Günter Grass wies seinen Verlag an, Abdruckgenehmigungen aus seinen Büchern (zum Beispiel für Schulbücher) nur in der alten Rechtschreibung zu erteilen. Auch wenn die Kinder alle übrigen Texte in der neuen Rechtschreibung lesen.

Was steckt psychologisch gesehen dahinter? Bequemlichkeit? Ablehnung von allem, was neu ist? Auch die letzte Rechtschreibreform Anfang des 20. Jahrhunderts, bei der "Thür" und "Thor" ihr "h" und "giebt" sein "e" verloren (in "nachgiebig" ist das "e" noch drin), fand ihre Gegner und setzte sich trotzdem durch. Treuen EGO-Net-Leser(inne)n wird aufgefallen sein, daß wir unsere Beiträge unverändert in alter Rechtschreibung bringen. Aus Konservatismus? Weil wir zu jenen Unverbesserlichen gehören, die nicht dadurch besiegt werden, daß sie irgendwann einsichtig werden, sondern eines Tages aussterben?

Als Autoren gehen wir Tag für Tag mit der deutschen Sprache um und kennen die Stärken und Schwächen der bisherigen Rechtschreibung ganz genau. Und jeder von uns kann sich aus der Schulzeit bestimmt an Rechtschreibungregeln erinnern, deren Sinn kaum zu verstehen ist. Warum schreibt man manchmal "der einzelne" dann aber wieder "der Einzelne"? Wieso heißt es "der Bezug auf" aber "in bezug auf"? Diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Groß- und Kleinschreibung, Kommaregeln, aber auch die Schreibung bestimmter Wörter könnten eine Vereinfachung vertragen.

Der stärkste Vorwurf, den man der Reform machen muß, lautet: sie ist keine Reform, sondern nur ein Reförmchen. Das auffälligste an ihr ist die Verwandlung des "daß" in "dass". Dafür einen neuen Duden kaufen, alle Schulbücher neu drucken, weltweit neue Deutschlehrbücher einführen, Sprachlehrer umschulen usw.? Wenn man weiß, wie die Reform zustande kam, kann das Resultat nicht verwundern. Interessenvertreter von Ländern und Institutionen handelten einen Kompromiß aus. Und der ist schwächer als jeder eingebrachte Einzelvorschlag. Da arbeiten Rechtschreibreformer nicht anders als die Experten der Steuerreform.

Die wirklichen Probleme sind nicht in Angriff genommen worden. Zum Beispiel die Abschaffung der Großschreibung außer am Satzanfang und bei Namen. Keine andere Sprache der Welt hat noch dieses komplizierte System großgeschriebener Hauptwörter. Experten, die eine solche Reform ablehnen, behaupten gern, im Deutschen würden Mehrdeutigkeiten entstehen. Dafür zwei Beispiele:

  • der gefangene floh
  • ich habe liebe genossen

unterscheiden sich dem Sinn nach, welches der beiden jeweils letzten Wörter ich groß schreibe. Das stimmt. Aber solche Sätze stehen nie für sich allein, sondern in einem Kontext. Ist das erste Beispiel ein vollständiger Satz, wird auf jeden Fall "Gefangene" groß geschrieben. Die vorhergehenden und nachfolgenden Sätze verleihen solchen Sätzen Eindeutigkeit. Einige Schriftsteller (wie Elfriede Jellinek) haben ganze Romane in Kleinschreibung veröffentlicht - und nichts an ihnen ist unverständlich.

In anderen Sprachen gibt es solche Mehrdeutigkeiten übrigens auch. Im Englischen kann der Satz "They are hunting lions" bedeuten: Sie jagen Löwen, aber auch: Sie sind jagende Löwen. Dennoch gibt es in der Alltagspraxis zwischen Engländern nicht mehr sprachliche Mißverständnisse als bei uns Deutschen. Denn auch im bisherigen Deutsch gibt es Mehrdeutigkeiten. Nur ein Beispiel: "Die Mutter, die die Tochter pflegte, fühlte sich erschöpft." Bitte lesen Sie den Satz genau: Wer pflegt hier wen?

Dort, wo reformiert wurde, sind alte Ausnahmen gegen neue Ausnahmen eingetauscht worden. "Belemmert" wird zu "belämmert", weil es von "Lamm" abstammt, der "Tip" zu "Tipp" weil das Verb "tippen" mit doppeltem "p" geschrieben wird. Aber warum wurde dann nicht aus sprechen "sprächen", da es von "Sprache" abstammt? (Weil die Variante mit dem "ä" bereits für den Konjunktiv, die Möglichkeitsform, gebraucht wird.)

Trotzdem hätten wir auch im EGO-Net die Reform eingeführt - der Einheitlichkeit zuliebe, die mögliche Mißverständnisse zwar nicht verhindert, aber wenigstens einschränkt. Kritikpunkte wird es immer geben, und zu erwarten, daß eine Reform allen gefällt, wäre eine unerfüllbare Illusion. Was uns letztlich abhielt, ist der gleiche Grund, wegen dem die F.A.Z. wieder zur alten Rechtschreibung zurückkehrte. Die Experten sind sich in der Auslegung der neuen Regeln selbst nicht einig. Kann man sich noch "wiedersehen" oder von nun an nur noch "wieder sehen"? Je nachdem, in welchem Wörterbuch Sie nachsehen, werden Sie darauf eine andere Antwort finden. Bei einem Vertragsabschluß mit einem großen deutschen Verlag über ein zu veröffentlichendes Buch, bekamen wir mit dem Vertragsentwurf einen mehrseitigen Vordruck zugesandt. Darin stand nicht nur die Aufforderung, das Manuskript in der neuen Schreibweise einzureichen, sondern er erhielt auch ausführliche Anweisungen, wie wir sie anzuwenden haben!

Eine kleine Auswahl aus dem verlagsinternen Regelwerk:

  • Apostroph weiterhin wie bei der alten Rechtschreibung (goethesche Werke statt Goethe'sche Werke)
  • Wortverbindungen aus Präposition und Substantiv werden im Zweifelsfall zusammengeschrieben (infrage, zugute)
  • "so daß" wird immer zusammengeschrieben und mit "ss": sodass.

Und so weiter, zwei Seiten lang. Andere Verlage verlangen, daß man sich nach den Normen eines bestimmten Nachschlagewerkes richtet. Jedes Mal muß der Autor ein anderes System befolgen. Kurz, früher gab es eine deutsche Rechtschreibung. Jetzt gibt es viele Varianten. Deshalb bleiben wir solange beim vertrauten System, bis die Experten sich geeinigt haben und in allen Wörterbücher das gleiche (oder "das Gleiche"?) steht.

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