Es ist so eine Sache mit dem Protest
gegen Neuerungen. Der Eiffelturm wurde einst von führenden Intellektuellen
Frankreichs (zum Beispiel dem Schriftsteller Guy de Maupassant) als
Kulturschande angesehen. Heute würde sich ein Sturm der Entrüstung
erheben, wollte plötzlich jemand das Wahrzeichen von Paris abreißen.
Könnte es mit der Rechtschreibung nicht ähnlich gehen? Nobelpreisträger
Günter Grass wies seinen Verlag an, Abdruckgenehmigungen aus seinen
Büchern (zum Beispiel für Schulbücher) nur in der alten
Rechtschreibung zu erteilen. Auch wenn die Kinder alle übrigen
Texte in der neuen Rechtschreibung lesen.
Was steckt psychologisch gesehen dahinter? Bequemlichkeit? Ablehnung
von allem, was neu ist? Auch die letzte Rechtschreibreform Anfang des
20. Jahrhunderts, bei der "Thür" und "Thor" ihr "h" und "giebt"
sein "e" verloren (in "nachgiebig" ist das "e" noch drin), fand ihre
Gegner und setzte sich trotzdem durch. Treuen EGO-Net-Leser(inne)n wird
aufgefallen sein, daß wir unsere Beiträge unverändert
in alter Rechtschreibung bringen. Aus Konservatismus? Weil wir zu jenen
Unverbesserlichen gehören, die nicht dadurch besiegt werden, daß
sie irgendwann einsichtig werden, sondern eines Tages aussterben?
Als Autoren gehen wir Tag für Tag mit der deutschen Sprache um
und kennen die Stärken und Schwächen der bisherigen Rechtschreibung
ganz genau. Und jeder von uns kann sich aus der Schulzeit bestimmt an
Rechtschreibungregeln erinnern, deren Sinn kaum zu verstehen ist. Warum
schreibt man manchmal "der einzelne" dann aber wieder "der Einzelne"?
Wieso heißt es "der Bezug auf" aber "in bezug auf"? Diese Beispiele
ließen sich beliebig vermehren. Groß- und Kleinschreibung,
Kommaregeln, aber auch die Schreibung bestimmter Wörter könnten
eine Vereinfachung vertragen.
Der stärkste Vorwurf, den man der Reform machen muß, lautet:
sie ist keine Reform, sondern nur ein Reförmchen. Das auffälligste
an ihr ist die Verwandlung des "daß" in "dass". Dafür einen
neuen Duden kaufen, alle Schulbücher neu drucken, weltweit neue
Deutschlehrbücher einführen, Sprachlehrer umschulen usw.?
Wenn man weiß, wie die Reform zustande kam, kann das Resultat
nicht verwundern. Interessenvertreter von Ländern und Institutionen
handelten einen Kompromiß aus. Und der ist schwächer als
jeder eingebrachte Einzelvorschlag. Da arbeiten Rechtschreibreformer
nicht anders als die Experten der Steuerreform.
Die wirklichen Probleme sind nicht in Angriff genommen worden. Zum
Beispiel die Abschaffung der Großschreibung außer am Satzanfang
und bei Namen. Keine andere Sprache der Welt hat noch dieses komplizierte
System großgeschriebener Hauptwörter. Experten, die eine
solche Reform ablehnen, behaupten gern, im Deutschen würden Mehrdeutigkeiten
entstehen. Dafür zwei Beispiele:
- der gefangene floh
- ich habe liebe genossen
unterscheiden sich dem Sinn nach, welches der beiden jeweils letzten
Wörter ich groß schreibe. Das stimmt. Aber solche Sätze
stehen nie für sich allein, sondern in einem Kontext. Ist das erste
Beispiel ein vollständiger Satz, wird auf jeden Fall "Gefangene"
groß geschrieben. Die vorhergehenden und nachfolgenden Sätze
verleihen solchen Sätzen Eindeutigkeit. Einige Schriftsteller (wie
Elfriede Jellinek) haben ganze Romane in Kleinschreibung veröffentlicht
- und nichts an ihnen ist unverständlich.
In anderen Sprachen gibt es solche Mehrdeutigkeiten übrigens auch.
Im Englischen kann der Satz "They are hunting lions" bedeuten: Sie jagen
Löwen, aber auch: Sie sind jagende Löwen. Dennoch gibt es
in der Alltagspraxis zwischen Engländern nicht mehr sprachliche
Mißverständnisse als bei uns Deutschen. Denn auch im bisherigen
Deutsch gibt es Mehrdeutigkeiten. Nur ein Beispiel: "Die Mutter, die
die Tochter pflegte, fühlte sich erschöpft." Bitte lesen Sie
den Satz genau: Wer pflegt hier wen?
Dort, wo reformiert wurde, sind alte Ausnahmen gegen neue Ausnahmen
eingetauscht worden. "Belemmert" wird zu "belämmert", weil es von
"Lamm" abstammt, der "Tip" zu "Tipp" weil das Verb "tippen" mit doppeltem
"p" geschrieben wird. Aber warum wurde dann nicht aus sprechen "sprächen",
da es von "Sprache" abstammt? (Weil die Variante mit dem "ä" bereits
für den Konjunktiv, die Möglichkeitsform, gebraucht wird.)
Trotzdem hätten wir auch im EGO-Net die Reform eingeführt
- der Einheitlichkeit zuliebe, die mögliche Mißverständnisse
zwar nicht verhindert, aber wenigstens einschränkt. Kritikpunkte
wird es immer geben, und zu erwarten, daß eine Reform allen gefällt,
wäre eine unerfüllbare Illusion. Was uns letztlich abhielt,
ist der gleiche Grund, wegen dem die F.A.Z. wieder zur alten Rechtschreibung
zurückkehrte. Die Experten sind sich in der Auslegung der neuen
Regeln selbst nicht einig. Kann man sich noch "wiedersehen" oder von
nun an nur noch "wieder sehen"? Je nachdem, in welchem Wörterbuch
Sie nachsehen, werden Sie darauf eine andere Antwort finden. Bei einem
Vertragsabschluß mit einem großen deutschen Verlag über
ein zu veröffentlichendes Buch, bekamen wir mit dem Vertragsentwurf
einen mehrseitigen Vordruck zugesandt. Darin stand nicht nur die Aufforderung,
das Manuskript in der neuen Schreibweise einzureichen, sondern er erhielt
auch ausführliche Anweisungen, wie wir sie anzuwenden haben!
Eine kleine Auswahl aus dem verlagsinternen Regelwerk:
- Apostroph weiterhin wie bei der alten Rechtschreibung (goethesche
Werke statt Goethe'sche Werke)
- Wortverbindungen aus Präposition und Substantiv werden im Zweifelsfall
zusammengeschrieben (infrage, zugute)
- "so daß" wird immer zusammengeschrieben und mit "ss": sodass.
Und so weiter, zwei Seiten lang. Andere Verlage verlangen, daß
man sich nach den Normen eines bestimmten Nachschlagewerkes richtet.
Jedes Mal muß der Autor ein anderes System befolgen. Kurz, früher
gab es eine deutsche Rechtschreibung. Jetzt gibt es viele Varianten.
Deshalb bleiben wir solange beim vertrauten System, bis die Experten
sich geeinigt haben und in allen Wörterbücher das gleiche
(oder "das Gleiche"?) steht.