Der
gesamte Verdauungsapparat des Menschen ist von mehr als
100 Millionen Nervenzellen umgeben. Das ist freilich nur
1 Prozent dessen, was unsere zentrale Schaltstelle, das
Gehirn, zu bieten hat. Aber für die Randgebiete unseres
Nervensystems stellt das eine ungewöhnlich hohe Konzentration
an Neuronen dar. Und was noch wichtiger ist: US-Wissenschaftler
entdeckten erst vor einigen Jahren, daß diese Nervenzellen
zusammenarbeiten. Sie bilden ein eigenes System der Informationsverarbeitung.
Sie analysieren Signale aus der Verdauung und leiten die
Ergebnisse zentral an den Kopf weiter. Wir haben es in der
Tat mit einer zweiten, kleineren Schaltzentrale unseres
Körpers zu tun.
Kein Wunder, daß unser
Bauch besonders sensibel auf Kummer und Stress reagiert.
Jede seelische Belastung stört das empfindliche Zusammenspiel
von Kopf- und Bauchgehirn. Signale werden verfälscht
oder gelangen nur bruchstückhaft an ihren Bestimmungsort.
Reizmagen, Völlegefühl und Durchfall sind nur
einige der Symptome.
Magengeschwüre sind allerdings
keine reine Nervensache. Schuld ist in der Mehrzahl der
Fälle das Bakterium Helicobakter pylori, das sich in
der Schleimhaut ansiedelt und Stoffe ausscheidet, die die
Produktion von Magensäure verstärken. Mit der
Zeit zerfrißt das Zuviel an Säure die Magenwände.
Antibiotika beseitigen den Störenfried.
Ob das Bakterium zum Zug gelangt
dafür spielt das Bauchhirn eine wichtige Rolle.
Ist es geschwächt, hat der Eindringling bessere Karten.
Schlechte Stimmung und Nervosität schwächen die
Abwehr und lassen die Verdauung verrückt spielen. Dafür
sind nicht allein die Nervenzellen verantwortlich. Wo Nerven
arbeiten, sind Neurotransmitter Hormone, die den
chemischen Informationsaustausch zwischen Gehirn und Körper
regeln nicht weit. Michael Gershon, Mediziner aus
New York, fand heraus, daß das meiste Serotonin in
den Unterleib fließt und dort die Verdauung regelt.
Serotonin ist ein Nervenbotenstoff, der die Stimmung stabilisiert.
Ein Mangel an Serotonin löst schlechte Laune aus, die
Person ist labiler und anfällig für Depressionen.
Aber der Mechanismus wirkt auch
anders herum. Schwer verdauliches Essen beeinträchtigt
die Leistung der Nerven, während magenfreundliche Nahrung
die Intelligenz fördert. Das bewies erst kürzlich
eine Studie der Cardiff University. Andrew Smith und seine
Kollegen haben Freiwillige vier Wochen lang morgens ballaststoff-
und früchtereiches Müsli essen lassen und verglichen
die Entwicklung ihrer Hirnleistungen mit einer Kontrollgruppe,
die ein gewöhnliches Frühstück bekamen. Das
Ergebnis: schon nach einer Woche hatten die Müsliesser
ein stärkeres geistiges Leistungsvermögen, depressive
Stimmungen gingen zurück, und sie litten zu 10 Prozent
weniger an Ermüdungserscheinungen als die Normalfrühstücker.
Damit wurde zum erstenmal wissenschaftlich
ein direkter Zusammenhang zwischen Kopf- und Bauchleistung
nachgewiesen. Wenn Sie das nächste Mal aus dem Bauch
heraus entscheiden wollen achten Sie darauf, was
Sie vorher essen.
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