Philosophie
bedeutet wörtlich Liebe zur Weisheit. Einig sind sich
die Gelehrten auch, daß sie keine normale Wissenschaft wie Mathematik
oder Biologie darstellt, sondern ein übergeordnetes Denksystem.
Was das konkret bedeutet darüber streiten die Gelehrten
seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren.
Ein
Blick in die Geschichte der Philosophie zeigt, daß drei Auffassungen
nebeneinander bestehen:
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Philosophie
als Theorie vom Weltganzen. Während Physik oder
Psychologie nur einen Ausschnitt der Welt behandeln, soll Philosophie
alle Teilerkenntnisse zu einem Gesamtbild von der Welt zusammenfassen.
Derartige Theoriesysteme wurden von Aristoteles bis Hegel entworfen,
sind aber in der Gegenwart aus der Mode gekommen. Der Grund: kaum
hatte ein Philosoph eine Weltgesetzmäßigkeit aufgestellt,
meldete sich bald ein Naturwissenschaftler und widerlegte ihn mit
einem Experiment.
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Philosophie
als Erkenntniskritik. Diese Richtung beherrscht heute
die Philosophie, die an den Universitäten gelehrt wird. Danach
stellen die Philosophen keine eigenen Erkenntnisse auf, sondern
untersuchen, ob und wie weit Erkenntnis möglich ist, welche
Gefahren bestimmte Erkenntnisse (wie die Gentechnik) mit sich bringen
und wo prinzipielle Grenzen der Wissenschaft liegen.
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Philosophie
als Lebenskunst. Denker, die Philosophie als praktische
Lebenshilfe für den Einzelnen betrachteten, wurden seit der
Antike als Außenseiter behandelt. Doch in Zeiten, in denen
die Gesellschaft den Menschen große Freiräume in der
Lebensgestaltung einräumte, gewann philosophische Lebenskunst
immer an Bedeutung. Das ist auch heute der Fall. Staat und Religion
können eine allgemein verbindlichen Normen mehr durchsetzen.
Das Individuum bestimmt seine Lebensinhalte selbst. Die einen beklagen
es als Orientierungsverlust, die anderen freuen sich über die
Chance zur selbstbestimmten Lebensgestaltung.
Niemand
kann leben, ohne sich über den Sinn seines Lebens zu entscheiden.
Selbst wer sich entschließt, nicht nachzudenken, sondern nur in
den Tag hineinzuleben, gibt sich selbst eine Begründung, warum
er so handelt. Doch wer in eine Krise gerät, beginnt über
sein bisheriges Leben und seine Zukunft nachzudenken.
Dabei
kann Philosophie eine große Hilfe sein. Denn viele Probleme, denen
heute Menschen ratlos gegenüberstehen, gab es auch schon in früheren
Zeiten und kluge Köpfe dachten über die verschiedenen
Varianten nach, damit umzugehen. Ein Blick auf die wichtigsten Lehren
aus dem Bereich der Lebenskunst seit der Antike gibt uns eine Ahnung
vom Reichtum der philosophischen Tradition.
Kyrenaiker.
Ihr wichtigster Vertreter hieß Aristipp. Er lebte im alten Athen
435 bis 355 vor Christus und war ein typischer Lebenskünstler.
Lust und Genuß waren seine obersten Prinzipien. Das Leben ist
zu kurz, um es mit Depression und Entsagung zu vergeuden. Nimm, was
das Leben an Schönem zu bieten hat. Meide Bindungen aller Art und
die Mächtigen dieser Welt. Bleibe unabhängig und genieße.
Von ihm stammt das heute noch verwendete Wort Hedonismus
(von griechisch hedone für Lust, Vergnügen) für
eine Lebenshaltung, die den Genuß in den Mittelpunkt stellt.
Über
Aristipp gibt es einen Roman von Goethes Zeitgenossen Christoph Martin
Wieland (Insel Taschenbuch 718).
Kyniker.
Ihr bekanntester Vertreter ist Diogenes, der zur Zeit Alexanders des
Großen in eine Tonne gelebt haben soll und freiwillige Armut lehrte,
um sich von materiellen Bedürfnissen unabhängig zu machen.
Wer nichts hat und nichts braucht, dem kann nichts genommen werden.
Von König Alexander gefragt, was er für ihn tun könne,
soll Diogenes nur gesagt haben: Geh mir aus der Sonne. Als
Diogenes sah, wie ein Knabe mit bloßen Händen Wasser aus
einer Quelle schöpfte, warf er seinen Becher fort, weil er offenbar
überflüssig war. Beim Anblick schöner Frauen soll Diogenes
auf dem Marktplatz von Athen öffentlich onaniert haben mit der
Bemerkung: Wenn man alles so leicht haben könnte wie das.
Noch heute übt sein Vorbild Faszination auf freiwillige Aussteiger
aus. Die Kyniker machten sich aber auch über alle lustig, die auf
materielle Güter und familiäre Bindungen nicht verzichten
wollte. Von ihrer Verachtung traditioneller Werte leitet sich der Begriff
Zynismus ab.
Skeptiker.
Diese antiken Philosophen lehrten, daß angesichts der allgemeinen
Unsicherheit man überhaupt keine festen Lebensmaximen haben soll
außer der einen: daß es nicht Sicheres und Gewisses auf
der Welt gibt. Ein berühmter Vertreter dieser Richtung war in der
Renaissance der Franzose Michel de Montaigne (1533-1592), der mit seinen
mehrbändigen Essais die gleichnamige Literaturgattung
begründete. Seine Bücher zeigen, daß Skepsis auch heute
noch lebensfähig ist. Er mißtraute nämlich allen Ideologien
und Politkern und riet, sich nur um die konkreten Probleme des eigenen,
unmittelbaren Lebensumfeldes zu kümmern.
Stoiker.
Sie lehrten freiwillige Entbehrung und Abhärtung. Im Unterschied
zu Diogenes verzichteten sie nicht auf Wohlstand, sondern wollten nur,
daß man in guten Zeiten lerne, sich auf mögliche Krisen vorzubereiten,
um bei hereinbrechendem Unglück dieses mannhaft zu ertragen. Berühmte
Vertreter waren der Sklave Epiket, Seneca (der Lehrer des römischen
Kaisers Nero) und später der Kaiser Mark Aurel. Das stoische Denken
ist dem christlichen eng verwandt. Die Bergpredigt des Neuen Testaments
enthält viele stoische Gedanken. Auch fernöstliche Lebensauffassungen
sind den Stoikern ähnlich.
Epikuräer.
Diese Philosophie wurde lange von der Kirche als sündhaft verdammt.
Sie nimmt eine Mitelstellung zwischen Aristipp und Stoizismus ein. Epikur
lehrte den maßvollen Genuß. Man solle das Leben genießen,
aber nicht die unmittelbare Lust, sondern langfristige, geistige Genüsse
in den Vordergrund stellen. Leiden soll man ohne zu klagen ertragen
lernen. Epikur, der an einer schmerzhaften Gallenerkrankung litt, lebte
diese Maxime seinen Anhängern vorbildlich vor.
Lebensphilosophie.
Sie stammt nicht aus der Antike, sondern aus der Romantik von Anfang
des 19. Jahrhunderts. Berühmte Vertreter sind Schopenhauer und
Nietzsche. Zufriedenheit und Glücklichsein sind spießig.
Am Leben leiden, unglücklich sein ist dagegen ehrlich und die notwendige
Voraussetzung tieferer Erkenntnis. Vor allem Künstler machten sich
dieses Denken zu eigen zum Teil bis heute. Der amerikanische
Schriftsteller Paul Auster sagte kürzlich in einen Interview: Unglück
ist notwendig: Wenn es nicht da wäre, würde man sich nicht
so viele Fragen stellen.
Existentialismus.
Berühmte Vertreter waren Karl Jaspers, die Schriftsteller Albert
Camus und Jean-Paul Sartre sowie Simone Beauvoir, die mit ihrem Buch
Das andere Geschlecht den modernen Feminismus begründete.
. Um zu erkennen, wer man ist, muß man sich in eine Extremsituation
(Grenzsituation) begeben. Erst wer gezwungen ist, einen
lebensentscheidenden Entschluß zu fassen, erfährt, wozu
er fähig ist und wozu nicht. Wer angepaßt ist, verzichtet
darauf, die Möglichkeiten seiner Freiheit zu nutzen. Das selbstbestimmte
Individuum befindet sich deshalb in ständiger Revolte. Es protestiert
nicht nur gegen soziale Mißstände, sondern nutzt dabei seine
Chance zu permanenter Selbstentwicklung.
Postmoderne.
Das ist die Philosophie der Gegenwart. Deren Lehre für das Individuum
könnte man in dem Sponti-Spruch zusammenfassen: Bisher haben die
Philosophen aufgerufen, die Welt zu verändern. Es kommt aber darauf
an, sie in Ruhe zu lassen.
Sie
lehrt den Verzicht auf verbindliche Werte als Grundprinzip einer neuen
Weltordnung, in der es gefährlich geworden ist, Einfluß auf
die uns umgebende Natur (einschließlich unserer inneren Natur,
also unserer genetischen Ausstattung) auszuüben. Das Einzelne sollte
in erster Linie sich selbst verändern, also nach Selbsterkenntnis
streben. Ein philosophischer Bestseller dieser Richtung war in den achtziger
Jahren die zweibändige Kritik der zynischen Vernunft,
von Peter Sloterdijk (edition suhrkamp 1099).
[wer die vor kurzem durch alle Medien gegangene Sloterdijk - Habermas
- Kontroverse verfogt hat weiß, dass ersterem jetzt die Forderung
nach einem, durch Genmanipulation zu erschaffenden, "Idealmenschen"
zugeschrieben wird. Vielleicht ergibt sich daraus ja bald eine neue (postnietzsche?)
Philosophierichtung nach dem Motto vom (nietzschen) Übermenschen
zu Superman.]
Keine
dieser Theorien ist allen anderen eindeutig überlegen. Welchen
Maximen man folgen möchte, ist immer eine persönliche Wertentscheidung.
Philosophie der Lebenskunst ist keine Rezeptsammlung für erfolgreiche
Verhaltensregeln. Sie erfordert vielmehr, die Lektüre unterschiedlicher
Werke als Ausgangspunkt für das eigene Nachdenken zu nutzen und
sich mit den Begründungen für die Weisheiten auseinanderzusetzen,
die wir in unserem Artikel nur vereinfacht darstellen konnten. Der Sinn
philosophischer Lebenskunst besteht darin, zukünftige Lebensentscheidungen
bewußt zu treffen und dabei einem eigenen, durchdachten Wertesystem
zu folgen. Sie wappnet uns gegen zukünftige Krisen und bereitet
uns auf schwierige Lebensphasen wie Verluste, Alter und Tod vor.
Aber
auch die Fähigkeit zu genießen, im Alltag Glückspotenzen
zu entdecken und Schwierigkeiten mit mehr Gelassenheit zu begegnen,
wird durch eine philosophische Lebenseinstellung gefördert.