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Ausgabe 06/2000
Unser Titelthema:
Lebenskunst
Philosophie als Lebenshilfe

Seit dem Erfolgsroman “Sophies Welt” weiß jeder, daß philosophisches Denken nicht nur etwas für Akademiker ist. Doch wie die Erkenntnisse der großen Denker zur Sinnsuche und Lebensgestaltung nutzen? EGONet gibt einige Tips.

 
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Philosophie bedeutet wörtlich “Liebe zur Weisheit”. Einig sind sich die Gelehrten auch, daß sie keine normale Wissenschaft wie Mathematik oder Biologie darstellt, sondern ein übergeordnetes Denksystem. Was das konkret bedeutet – darüber streiten die Gelehrten seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren.

Ein Blick in die Geschichte der Philosophie zeigt, daß drei Auffassungen nebeneinander bestehen:

  1. Philosophie als Theorie vom Weltganzen. Während Physik oder Psychologie nur einen Ausschnitt der Welt behandeln, soll Philosophie alle Teilerkenntnisse zu einem Gesamtbild von der Welt zusammenfassen. Derartige Theoriesysteme wurden von Aristoteles bis Hegel entworfen, sind aber in der Gegenwart aus der Mode gekommen. Der Grund: kaum hatte ein Philosoph eine Weltgesetzmäßigkeit aufgestellt, meldete sich bald ein Naturwissenschaftler und widerlegte ihn mit einem Experiment.

  2. Philosophie als Erkenntniskritik. Diese Richtung beherrscht heute die Philosophie, die an den Universitäten gelehrt wird. Danach stellen die Philosophen keine eigenen Erkenntnisse auf, sondern untersuchen, ob und wie weit Erkenntnis möglich ist, welche Gefahren bestimmte Erkenntnisse (wie die Gentechnik) mit sich bringen und wo prinzipielle Grenzen der Wissenschaft liegen.

  3. Philosophie als Lebenskunst. Denker, die Philosophie als praktische Lebenshilfe für den Einzelnen betrachteten, wurden seit der Antike als Außenseiter behandelt. Doch in Zeiten, in denen die Gesellschaft den Menschen große Freiräume in der Lebensgestaltung einräumte, gewann philosophische Lebenskunst immer an Bedeutung. Das ist auch heute der Fall. Staat und Religion können eine allgemein verbindlichen Normen mehr durchsetzen. Das Individuum bestimmt seine Lebensinhalte selbst. Die einen beklagen es als Orientierungsverlust, die anderen freuen sich über die Chance zur selbstbestimmten Lebensgestaltung.


Niemand kann leben, ohne sich über den Sinn seines Lebens zu entscheiden. Selbst wer sich entschließt, nicht nachzudenken, sondern nur in den Tag hineinzuleben, gibt sich selbst eine Begründung, warum er so handelt. Doch wer in eine Krise gerät, beginnt über sein bisheriges Leben und seine Zukunft nachzudenken.


Dabei kann Philosophie eine große Hilfe sein. Denn viele Probleme, denen heute Menschen ratlos gegenüberstehen, gab es auch schon in früheren Zeiten – und kluge Köpfe dachten über die verschiedenen Varianten nach, damit umzugehen. Ein Blick auf die wichtigsten Lehren aus dem Bereich der Lebenskunst seit der Antike gibt uns eine Ahnung vom Reichtum der philosophischen Tradition.


Kyrenaiker. Ihr wichtigster Vertreter hieß Aristipp. Er lebte im alten Athen 435 bis 355 vor Christus und war ein typischer Lebenskünstler. Lust und Genuß waren seine obersten Prinzipien. Das Leben ist zu kurz, um es mit Depression und Entsagung zu vergeuden. Nimm, was das Leben an Schönem zu bieten hat. Meide Bindungen aller Art und die Mächtigen dieser Welt. Bleibe unabhängig und genieße. – Von ihm stammt das heute noch verwendete Wort “Hedonismus” (von griechisch “hedone” für Lust, Vergnügen) für eine Lebenshaltung, die den Genuß in den Mittelpunkt stellt.

Über Aristipp gibt es einen Roman von Goethes Zeitgenossen Christoph Martin Wieland (Insel Taschenbuch 718).


Kyniker. Ihr bekanntester Vertreter ist Diogenes, der zur Zeit Alexanders des Großen in eine Tonne gelebt haben soll und freiwillige Armut lehrte, um sich von materiellen Bedürfnissen unabhängig zu machen. Wer nichts hat und nichts braucht, dem kann nichts genommen werden. Von König Alexander gefragt, was er für ihn tun könne, soll Diogenes nur gesagt haben: “Geh mir aus der Sonne.” Als Diogenes sah, wie ein Knabe mit bloßen Händen Wasser aus einer Quelle schöpfte, warf er seinen Becher fort, weil er offenbar überflüssig war. Beim Anblick schöner Frauen soll Diogenes auf dem Marktplatz von Athen öffentlich onaniert haben mit der Bemerkung: “Wenn man alles so leicht haben könnte wie das.”

Noch heute übt sein Vorbild Faszination auf freiwillige Aussteiger aus. Die Kyniker machten sich aber auch über alle lustig, die auf materielle Güter und familiäre Bindungen nicht verzichten wollte. Von ihrer Verachtung traditioneller Werte leitet sich der Begriff Zynismus ab.


Skeptiker. Diese antiken Philosophen lehrten, daß angesichts der allgemeinen Unsicherheit man überhaupt keine festen Lebensmaximen haben soll außer der einen: daß es nicht Sicheres und Gewisses auf der Welt gibt. Ein berühmter Vertreter dieser Richtung war in der Renaissance der Franzose Michel de Montaigne (1533-1592), der mit seinen mehrbändigen “Essais” die gleichnamige Literaturgattung begründete. Seine Bücher zeigen, daß Skepsis auch heute noch lebensfähig ist. Er mißtraute nämlich allen Ideologien und Politkern und riet, sich nur um die konkreten Probleme des eigenen, unmittelbaren Lebensumfeldes zu kümmern.


Stoiker. Sie lehrten freiwillige Entbehrung und Abhärtung. Im Unterschied zu Diogenes verzichteten sie nicht auf Wohlstand, sondern wollten nur, daß man in guten Zeiten lerne, sich auf mögliche Krisen vorzubereiten, um bei hereinbrechendem Unglück dieses mannhaft zu ertragen. Berühmte Vertreter waren der Sklave Epiket, Seneca (der Lehrer des römischen Kaisers Nero) und später der Kaiser Mark Aurel. Das stoische Denken ist dem christlichen eng verwandt. Die Bergpredigt des Neuen Testaments enthält viele stoische Gedanken. Auch fernöstliche Lebensauffassungen sind den Stoikern ähnlich.


Epikuräer. Diese Philosophie wurde lange von der Kirche als sündhaft verdammt. Sie nimmt eine Mitelstellung zwischen Aristipp und Stoizismus ein. Epikur lehrte den maßvollen Genuß. Man solle das Leben genießen, aber nicht die unmittelbare Lust, sondern langfristige, geistige Genüsse in den Vordergrund stellen. Leiden soll man ohne zu klagen ertragen lernen. Epikur, der an einer schmerzhaften Gallenerkrankung litt, lebte diese Maxime seinen Anhängern vorbildlich vor.


Lebensphilosophie. Sie stammt nicht aus der Antike, sondern aus der Romantik von Anfang des 19. Jahrhunderts. Berühmte Vertreter sind Schopenhauer und Nietzsche. Zufriedenheit und Glücklichsein sind spießig. Am Leben leiden, unglücklich sein ist dagegen ehrlich und die notwendige Voraussetzung tieferer Erkenntnis. Vor allem Künstler machten sich dieses Denken zu eigen – zum Teil bis heute. Der amerikanische Schriftsteller Paul Auster sagte kürzlich in einen Interview: “Unglück ist notwendig: Wenn es nicht da wäre, würde man sich nicht so viele Fragen stellen.”


Existentialismus. Berühmte Vertreter waren Karl Jaspers, die Schriftsteller Albert Camus und Jean-Paul Sartre sowie Simone Beauvoir, die mit ihrem Buch “Das andere Geschlecht” den modernen Feminismus begründete. . Um zu erkennen, wer man ist, muß man sich in eine Extremsituation (“Grenzsituation”) begeben. Erst wer gezwungen ist, einen lebens­entscheidenden Entschluß zu fassen, erfährt, wozu er fähig ist und wozu nicht. Wer angepaßt ist, verzichtet darauf, die Möglichkeiten seiner Freiheit zu nutzen. Das selbstbestimmte Individuum befindet sich deshalb in ständiger Revolte. Es protestiert nicht nur gegen soziale Mißstände, sondern nutzt dabei seine Chance zu permanenter Selbstentwicklung.


Postmoderne. Das ist die Philosophie der Gegenwart. Deren Lehre für das Individuum könnte man in dem Sponti-Spruch zusammenfassen: Bisher haben die Philosophen aufgerufen, die Welt zu verändern. Es kommt aber darauf an, sie in Ruhe zu lassen.

Sie lehrt den Verzicht auf verbindliche Werte als Grundprinzip einer neuen Weltordnung, in der es gefährlich geworden ist, Einfluß auf die uns umgebende Natur (einschließlich unserer inneren Natur, also unserer genetischen Ausstattung) auszuüben. Das Einzelne sollte in erster Linie sich selbst verändern, also nach Selbsterkenntnis streben. Ein philosophischer Bestseller dieser Richtung war in den achtziger Jahren die zweibändige “Kritik der zynischen Vernunft”, von Peter Sloterdijk (edition suhrkamp 1099).

[wer die vor kurzem durch alle Medien gegangene Sloterdijk - Habermas - Kontroverse verfogt hat weiß, dass ersterem jetzt die Forderung nach einem, durch Genmanipulation zu erschaffenden, "Idealmenschen" zugeschrieben wird. Vielleicht ergibt sich daraus ja bald eine neue (postnietzsche?) Philosophierichtung nach dem Motto vom (nietzschen) Übermenschen zu Superman.]


Keine dieser Theorien ist allen anderen eindeutig überlegen. Welchen Maximen man folgen möchte, ist immer eine persönliche Wertentscheidung. Philosophie der Lebenskunst ist keine Rezeptsammlung für erfolgreiche Verhaltensregeln. Sie erfordert vielmehr, die Lektüre unterschiedlicher Werke als Ausgangspunkt für das eigene Nachdenken zu nutzen und sich mit den Begründungen für die Weisheiten auseinanderzusetzen, die wir in unserem Artikel nur vereinfacht darstellen konnten. Der Sinn philosophischer Lebenskunst besteht darin, zukünftige Lebensentscheidungen bewußt zu treffen und dabei einem eigenen, durchdachten Wertesystem zu folgen. Sie wappnet uns gegen zukünftige Krisen und bereitet uns auf schwierige Lebensphasen wie Verluste, Alter und Tod vor.


Aber auch die Fähigkeit zu genießen, im Alltag Glückspotenzen zu entdecken und Schwierigkeiten mit mehr Gelassenheit zu begegnen, wird durch eine philosophische Lebenseinstellung gefördert.

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