Das bekannteste funktionelle Lebensmittel
ist der LC1-Joghurt der Firma Nestlé. Dieser Joghurt wird mit
dem Milchsäurebakterium Lactobacillus acidophilus 1 angereichert.
Der Hersteller verspricht positive Auswirkungen auf die Darmflora. Weiter
funktionelle Lebensmittel sind Multivitaminsäfte. Sie enthalten
größere Dosen an Vitaminen als die eingebrachten Obstsorten
von Natur aus mitbringen. Andere aufgepeppte Getränke sind die
Energy-Drinks, die meisten Sorten Cornflakes oder Bonbons mit Vitamingehalt.
Der Grundgedanke hinter diesen Produkten lautet: Da wir bekanntlich
zu süß, zu fett und zu nährstoffarm essen, wäre
es da nicht sinnvoller, die Lebensmittel den Ernährungsgewohnheiten
anzupassen, statt zu erwarten, daß wir Konsumenten auf Fleisch
und Kuchen verzichten und nur noch Obst und Gemüse essen?
Bei uns ist die Begeisterung für diese Art angereicherter Nahrung
noch ziemlich gering. BSE- und Hormonskandale haben ein generelles Mißtrauen
gegen alle Arten von Nahrungszusätzen wachgerufen, und das betrifft
nicht nur das Tierfutter.
In den USA und Japan dagegen sind funktionelle Lebensmittel aus den
Supermärkten gar nicht mehr wegzudenken. Da finden sich Beauty-Drinks,
die Kollagene enthalten, mit denen man sich eine Verjüngung der
Haut erhofft. Zusätzliche Vitamine finden sich nicht nur in Säften,
sondern auch in Fleischklößchen. Wer Fisch nicht mag, braucht
keineswegs mehr auf die kreislaufschützenden Omega-3-Fettsäuren
zu verzichten. Man kauft einfach ein Brot, dem diese Säuren zugesetzt
worden sind.
Dem Verbraucher bietet sich ein verwirrendes Bild. Einige dieser Lebensmittel
sind für bestimmte Gruppen von Menschen lebensnotwendig, zum Beispiel
speziell aufbereitete Nahrung für Diabetiker oder Allergiker, in
der Inhaltsstoffe, die für sie gefährlich sind, durch harmlose
ersetzt werden. Bei anderen ist ein Nutzen bisher nicht nachgewiesen,
allerdings auch kein Schaden. Das gilt zum Beispiel für den LC1-Joghurt.
Der größte Teil der Bakterien erreicht nämlich gar nicht
lebend seinen Bestimmungsort. Und selbst wenn diese Hürde genommen
wird: Sie müßten diesen Joghurt jeden Tag bis an ihr Lebensende
essen, damit der Nutzen tatsächlich eintritt.
Die Industrie bemüht sich mit großem Werbeaufwand den Verbraucher
für ihre Produkte zu interessieren. Eine Reihe von ihr erfundener
Begriffe hat sich inzwischen im allgemeinen Bewußtsein festgesetzt
wie:
probiotisch - damit sind lebende Mikroorganismen wie Bakterien gemeint,
die der Nahrung zugesetzt werden;
präbiotisch - das sind Ballaststoffe, die als Nahrung für
Mikroorganismen dienen und damit ihre Ansiedlung im Magen-Darm-Trakt
fördern;
isotonisch - das bedeutet, in der Flüssigkeit sind genauso viel
feste Teilchen gelöst wie im Blut, dadurch soll das Getränk
besonders schnell den Magen und Darm passieren und in die Blutbahn übergehen.
Bei den meisten der synthetischen Lebensmittel bestätigt die Wissenschaft
zwar den gesundheitlichen Nutzen der zugefügten Wirkstoffe. Aber
es ist mehr als fraglich, ob diese Wirkung weiter besteht, wenn der
Inhaltsstoff aus der Pflanze oder dem Fleisch isoliert wurde und einem
Nahrungsmittel zugesetzt wurde, indem er einen Fremdkörper darstellt.
Ein schwerer Schlag für die Industrie war der Nachweis, daß
Betakarotin, die pflanzliche Vorstufe des Vitamin A, vor Krebs schützt,
wenn es in Form von Möhren gegessen wird, jedoch umgekehrt die
Krebssterblichkeit um knapp ein Fünftel erhöht, wenn es als
Tablette geschluckt wird.
Egal, ob Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe oder Mineralien und
Spurenelemente - ihr Fehlen schadet dem Menschen, eine Überdosierung
jedoch auch. In geringen Mengen ist Zink ist nützlich für
das Immunsystem, Chrom für den Blutzuckerspiegel, Kalzium für
den Knochenbau. Was viele Verbraucher nicht wissen: Diese Spurenelemente
werden vom Organismus nur aufgenommen, wenn gleichzeitig bestimmte Enzyme
gegessen werden, die die naturbelassene Nahrung automatisch mitliefert.
Wo diese Elemente künstlich zugesetzt worden sind, fehlen diese
Enzyme.
Kurz, der Grundgedanke, der hinter den funktionellen Lebensmitteln
steckt, ist gut, aber die Praxis läßt zu wünschen übrig.
Die Forschung ist einfach noch nicht in der Lage, die vollmundigen Versprechen
der Industrie zu erfüllen. Unsere Nahrung enthält einige tausend
unterschiedliche Substanzen. Wir kennen aber nur die Wirkung von einigen
Dutzend wie zum Beispiel den Vitaminen. Sie wirken jedoch nicht allein,
sondern im Verbund mit anderen Bestandteilen der Zellen. Welche das
sind, ist unbekannt. Die Forscher können bisher nur nachweisen,
daß der Nutzen eintritt, wenn der Mensch sie mitsamt ihrer natürlichen
Umgebung zu sich nimmt. Das Vitamin E oder die Omega-3-Fettsäuren
verlieren ihre Wirkung jedenfalls, wenn man sie isoliert in andere Lebensmittel
einfügt.
Es wird also noch eine Weile dauern, bis der Arzt bei Bluthochdruck
oder Grippeanfälligkeit nicht den Gang zum Apotheker, sondern den
Griff ins Supermarktregal empfiehlt.
Zwei Bücher mit ausführlichen Hintergrundinformationen:
Richard Fuchs: Functional Food - Mdeikamente in Lebensmitteln, Chancen
und Risiken. Verlag Gesundheit, Berlin 1999, ISBN 3-333-01051-8, DM
29,90
Marcus Brian: Essen auf Rezept - wie Functional Food unsere Ernährung
verändert,.174 Seiten, S. Hirzel-Verlag, Stuttgart, Leipzig 2000,
ISBN 3-7776-0977-3, DM 38,00