|
EGONET.de
Ausgabe 03/1999
Kreativität
Mehr Chancen durch Querdenken |
-
Eingefahrene Gleise verlassen, dem Leben einen neuen Kick geben wer
möchte das nicht? Der Aufbruch zu anderen Horizonten beginnt im Kopf.
Nur wer gedanklich einen Ausweg aus eingeschliffenen Routinen findet, sich
ein völlig anderes Dasein vorstellen kann, findet die Chance zu
grundsätzlichen Veränderungen.
-
Wofür könnten Sie einen Ziegelstein verwenden?
-
Wenn Sie antworten als Baumaterial bewegen Sie sich in vertrauten
Routinen.
-
Wenn Sie sagen als Briefbeschwerer nutzen Sie die Grundeigenschaften
Kompaktheit und Schwere in einem neuen Kontext.
-
Entgegnen Sie jedoch Ich würde ihn zerbröseln, aufschlämmen
und als Farbmaterial für eine interessante Oberflächenstruktur
in einem modernen Gemälde verwenden, ist Ihnen einen originelle
und kreative Antwort eingefallen.
-
Kreativität wird heute in vielen Stellenanzeigen gefordert. Kein Wunder,
mit der Reproduktion des Üblichen ist heute kein großer Gewinn
mehr zu machen. Die Möglichkeiten, das allseits Bekannte billiger zu
produzieren als der Konkurrent, sind nahezu erschöpft. Mitarbeiter,
die neuartige Lösungen finden, die die Angebote der anderen Wettbewerber
um Längen schlagen, sind deshalb gefragt. Bei dem heutigen Tempo technischer
Neuerungen reicht ein einmaliger genialer Einfall nur noch selten aus, um
auf Dauer ausgesorgt zu haben. Die Fähigkeit, immer wieder originelle
Ergebnisse zu erlangen, will deshalb gelernt sein.
-
Kreativität und Phantasie gehören zusammen. Dennoch sind
schöpferische Einfälle kein Zufall oder unerklärliche Begabung.
Schaut man sich die Struktur kreativer Lösungen der Vergangenheit an,
erkennt man bestimmte Prinzipien, die sich auch bei der Suche nach
zukünftigen anwenden lassen.
-
Ein solches Prinzip lautet: Verkehre die vertraute Routine-Lösung
in ihr Gegenteil.
-
Ein Großteil wissenschaftlicher Neuerungen entstand auf diese Weise.
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts glaubte man, daß die Tier- und
Pflanzenarten von Anbeginn der Erdgeschichte unveränderlich seien. Die
Einsicht, daß sie sich entwickeln, gab den Anstoß zur
Evolutionstheorie und veränderte unser Weltbild grundlegend.
-
Bis ins vorige Jahrhundert galt als selbstverständlich, daß Psyche
und Bewußtsein ein und dasselbe sind. Die Erkenntnis, daß in
Wahrheit der größte Teil unserer seelischen Vorgänge
unbewußt bleibt, gab den Anstoß zur Psychoanalyse als Heilmethode
für Neurosen.
-
Je selbstverständlicher eine Weisheit ist, desto mehr lohnt es sich
nachzudenken, ob an ihrer Umkehrung nicht auch etwas dran ist. Unser Autor
Frank Naumann fand das Thema seines ersten Sachbuches, als ihm auffiel, daß
alle Welt eine friedliche, harmonische Gesprächsführung
befürwortet. Haben streitbare Auseinandersetzungen nicht ebenfalls ihre
Berechtigung? Aus dieser Überlegung entstand sein Buch Miteinander
streiten.
-
Ein weiteres Prinzip mit sehr vielen Anwendungsmöglichkeiten lautet:
Verbinde zwei bisher unabhängige Bereiche miteinander.
-
Dieses Vorgehen finden Sie in unserem Eingangsbeispiel realisiert. Bauen
(Ziegelstein) und Malerei (Farbmaterial) wurden verbunden. Die Anwendung
dieses Prinzips führte unseren Autor zu zwei weiteren Büchern:
-
Erste Hilfe für die Seele - verbindet eine Prinzip der
Notfallmedizin mit Psychologie
-
Solo in die Jahre kommen denkt über die Perspektiven der
(jungen) Singles im Alter nach.
-
Je weiter die beiden Bereiche auseinanderliegen, je ungewohnter ihre Verbindung
erscheint, desto kreativer wird die gefundene Lösung.
-
Achtung! Einige solcher Querverbindungen wurden so oft erfolgreich angewandt,
daß sie fast schon wieder wie Routine wirken. Einige Beispiele:
-
Techniker kopieren Naturlösungen. So statten Sie Fahrzeuge in unebenem
Gelände außer mit Rädern auch mit beinähnlichen
Konstruktionen aus.
-
Schulmediziner vertrauen längst nicht mehr nur Operationen und Medikamenten,
sondern beziehen Heilmethoden anderer Kulturen, der Psychologie und die
Aktivierung körpereigener Abwehrkräfte ein.
-
Neue Erkenntnisse werden in der Wissenschaft immer öfter dadurch gewonnen,
daß man Brückendisziplinen bildet. Das sind Forschungsgebiete,
die zwischen traditionellen Fachgebieten liegen, also Biochemie, Astrophysik,
Soziobiologie und ähnliches.
-
Schauen wir uns einige weitere kreative Prinzipien an.
-
Wechsle die Perspektive. Neue Möglichkeiten eröffnen
sich, wenn wir versuchsweise mal unseren eigenen Blickwinkel verlassen und
uns aus der Position anderer betrachten. Welch innerer Monolog mag in unserem
Partner, Freunden und Kollegen ablaufen, wenn sie uns begegnen? Was würde
mein Hund, mein Kanarienvogel, die Straßentaube, mein Schreibtisch
oder der Aschenbecher meines Autos über sich und mich erzählen?
-
Verändere den Kontext. Versetzen Sie sich gedanklich in
eine andere Umgebung und/oder in eine andere Zeit. Stellen Sie sich vor,
mit Ihren Kenntnisse und Ihren typischen Gewohnheiten würden Sie in
einen antiken Steinbruch, an den römischen Kaiserhof, in einen Harem,
in das Raumschiff Enterprise oder in das Land Phantásien versetzt?
Was würde geschehen?
-
Suche gezielt nach unmodernen Varianten. Nicht nur Kleidung,
auch Ideen und Themen unterliegen modischen Einflüssen. Schauen Sie
nach: Welche Themen beherrschen zur Zeit die Medien? Sie werden feststellen,
daß manche Ideen eine Zeit lang überall präsent sind und
dann wieder in der Versenkung verschwinden. Nach einiger Zeit werden sie
wieder hervorgeholt. Die Modeindustrie verdiente Milliarden, indem sie vor
etwa zwei Jahren anfing, die Kleidung der 70er Jahre zu kopieren. Inzwischen
sind die 80er dran worüber sich auch die Musiker von damals freuen,
denn ihre Platten verkaufen sich auf einmal wieder. Wem also nicht Neues
einfällt, braucht also nur in eine Bibliothek zu gehen, die alten
Zeitschriften durchzublättern und Ideen von damals neu aufzuwärmen.
-
Darüber hinaus erfordert Kreativität den Mut, bewußt das
Unübliche zu tun. und solange durchzuhalten, bis die Umgebung sich daran
gewöhnt hat und Sie als Vorreiter betrachtet. Nicht jede schöpferische
Lösung wird sich durchsetzen. Jede originelle Idee muß geprüft
werden, ob sie realistisch ist. Das bedeutet unter anderem:
-
Gibt es genug Leute, die einen Bedarf dafür haben werden?
-
Wen kann ich von meiner Idee überzeugen?
-
Ist sie überhaupt praktisch umsetzbar? (Das erfordert unter Umständen
weitere kreative Einfälle.)
-
Was wird die Umsetzung kosten?
-
Wie hoch ist der mögliche Nutzen?
-
Manchmal verhindern selbstgeschaffene Hindernisse, das eine originelle Idee
zum Erfolg führt. Zum Beispiel:
-
Mangelndes Durchhaltevermögen. Je ungewöhnlicher eine Idee, desto
länger der Anlaufweg.
-
Mangelnde Konzentration auf das eine Ziel, Verzettelung in zuviel nur halb
durchdachten Projekten.
-
Selbstzensur. Manch originelle Idee wird schon im Vorfeld aufgegeben, weil
sie zu phantastisch erscheint.
-
Mangelndes Know-how in der Umsetzung. Aus Angst, daß die kreative Idee
gestohlen werden könnte, versäumt man, sich Hilfe für die
Realisierung zu holen. Es gibt kaum einen schöpferischen Menschen, der
ohne Hilfe anderer und ohne seinen Gewinn mit ihnen zu teilen, seine Ideen
verwirklicht hätte. Selbst ein Schriftsteller braucht einen Verlag,
der seine Bücher druckt und vertreibt.
|