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EGONET.de
Ausgabe 03/1999
Depression
Wenn die Seele Trauer trägt
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- Wir sind eine reiche Gesellschaft, und dennoch
ist dauerhaft schlechte Laune eine Volkskrankheit
geworden. Häufig handelt es sich aber nicht nur
um eine Unfähigkeit, das Gute im Leben nicht zu
sehen, sondern um eine echte Krankheit, die
fachkundiger Behandlung bedarf.
- Jeder von uns kennt Stunden, in denen man sich
bedrückt fühlt, Tage, an denen man sich selbst
nicht so recht leiden mag. "Heute bin ich
mit dem falschen Fuß aufgestanden", sagen
wir und deuten damit an, daß die depressive
Stimmung morgen vorüber sein wird.
- Bei etwa fünf Prozent der Menschen treffen wir
jedoch auf dauernde Schwermut, verbunden mit
einem Rückzug von fast allen Kontakten. Sie
halten ihr Dasein für freud- und sinnlos, leiden
unter Gefühlen der Leere, zweifeln an sich und
quälen sich mit massiven Selbstanklagen. Sie
fühlen sich minderwertig und überflüssig. Ein
sehr großer Teil von denen, die
Selbstmordversuche unternehmen, hat zuvor eine
krankhafte Depression durchlaufen. Diese
Gemütskrankheit bildet sich allmählich heraus.
- Ein typisches Alarmzeichen sind Ein- und
Durchschlafstörungen, die in Zusammenhang mit
zunehmendem Pessimismus und wachsender
Lustlosigkeit stehen. Das wichtigste Kennzeichen
einer Depression ist die Unfähigkeit, Freude zu
empfinden vor allem dann, wenn die
äußeren Ereignisse nicht schlimmer sind als bei
anderen.
- Eine Schlüsselrolle spielt der aktivierende
Nervenbotenstoff Serotonin. Ein Mangel an dieser
wichtigen Substanz im limbischen System macht
depressiv. Je früher die Störung erkannt wird,
desto größer sind die Heilungschancen. In
vielen Fällen wird die Neigung zur Depression
vererbt; die Fachleute sprechen dann von einer
endogenen Depression. Sie kann auch im
Zusammenhang mit einer organischen Krankheit
entstehen, insbesondere wenn die Krankheit
chronisch verläuft. Andere werden depressiv in
Zusammenhang mit einem krisenhaften
Lebensereignis; dann sprechen wir von einer
reaktiven Depression. Nicht selten wirken beide
Faktoren zusammen. Anzeichen, die auf eine dieser
Formen hinweisen, sind:
- endogene Depression: Unter den
nächsten Verwandten, insbesondere unter den
Eltern und Großeltern gab es ebenfalls
depressive Personen. Die Depression unterliegt
jahreszeitlichen Schwankungen; zu bestimmten,
regelmäßig sich wiederholenden Zeiten hat der
Betroffene ein Tief, danach geht es ihm zeitweise
besser. Der Stimmungstiefpunkt im Tagesverlauf
liegt am Morgen.
- reaktive Depression: Es läßt sich
ein konkretes, belastendes Ereignis feststellen,
in dessen Folge der Betreffende allmählich
depressiv wurde. Das können Trauerfälle,
schwere Verluste und andere Krisen sein. Wenn
diese Erlebnisse in eine kritische
Entwicklungsphase - Pubertät, Schwangerschaft,
Wechseljahre, Midlife-crisis, Beginn des
Rentenalters - fallen, verliert der Betroffene
die Lust am Leben und zieht sich allmählich von
seinen früheren Bekannten zurück. Der
Stimmungstiefpunkt liegt meist am Abend. Wird die
Depression begünstigt durch negative Denk- und
Gefühlsmuster, die in früher Kindheit erworben
wurden, sprechen wir von einer depressiven
Neurose (siehe voriger Abschnitt).
- Depressive finden für ihre aggressiven Gefühle
(Wut, Verzweiflung, Ärger) keinen Adressaten und
richten sie folglich gegen sich selbst. Sie haben
verlernt, sie auszuleben. Frauen sind zwei- bis
dreimal häufiger anfällig als Männer, vor
allem weil Männer eher die Chance haben, ihre
Konflikte im Beruf, im Sport oder in
Freizeitvereinen auszutragen. Einsamkeit, Armut
und lieblose Beziehungen sowie fehlende
berufliche und soziale Perspektiven erhöhen das
Erkrankungsrisiko. Alleinerziehende Mütter sind
daher in überdurchschnittlichem Maße
gefährdet.
- Eine schnelle, unproblematische Hilfe ist
möglich, solange der Kranke sich noch nicht
völlig von allen äußeren Kontakten
zurückgezogen hat. Insbesondere endogen
Depressive brechen irgendwann alle Beziehungen
ab, kapseln sich völlig ein und verwahrlosen.
- Wenn Sie also ausgesprochen häufig unter
Schwermut und Niedergeschlagenheit leiden: Suchen
Sie das Gespräch und halten sie die
Kommunikation aufrecht. Pflegen Sie Kontakte zu
Menschen, die Interesse an Ihnen zeigen, auch
wenn es nur Ihre Kenntnisse in der Blumenpflege
oder Ihre Kochkünste betrifft. Jeder, der bereit
ist, Ihnen zuzuhören, hilft Ihnen. Sprechen Sie
über Ihre negativen Gefühle, das allein
erleichtert ungemein. Seien Sie nicht ärgerlich,
wenn Ihr Zuhörer Ihnen sagt, Sie sollten nicht
so schwarz sehen. Versuchen Sie lieber zu
erklären, was die Auslöser Ihrer schlechten
Stimmung sind.
- Haben Sie eine(n) Depressive(n) In Ihrer
Bekanntschafft, können Sie umgekehrt als
Zuhörer(in) helfen. Bagatellisieen sie die
Schwarzseherei nicht. Erzählen Sie ihm also
nicht was naheliegt daß das alles
nicht so schlimm sei und sich bald wieder gibt.
Kein Trösten und kein Verharmlosen! Versuchen
Sie zu erfahren, welche realen Situationen seine
Selbstanklagen ausgelöst haben. Depressive
gestehen sich oft nicht ein, daß sie auf
bestimmte Personen wütend, ärgerlich oder von
ihnen enttäuscht sind. Sie suchen alle Schuld
bei sich selbst. Dann können Sie zum Beispiel
antworten: "Bist du auf den nicht wütend?
Also, wenn das mit mir einer machen würde,
stinksauer wäre ich! Übrigens finde ich, du
hast dich in der Situation ganz richtig
verhalten."
- Ist die Tendenz zum Rückzug und zur Abkapselung
nicht mehr umzukehren, muß ein Fachmann
hinzugezogen werden. Das trifft auch zu, wenn
konkrete Selbstmordphantasien geäußert werden,
also nicht nur die allgemeine Absicht Am
liebsten würde ich mich umbringen, sondern
genaue Vorstellungen, wie dieses
Aus-dem-Leben-scheiden vor sich gehen soll.
- Medikamente sind nur bei schweren Depressionen
nötig. Antidepressiva mindern zwar die
Niedergeschlagenheit, lindern die Krankheit
selbst aber erst nach zwei bis drei Wochen. Bis
dahin steigt das Selbstmordrisiko noch an, weil
die Betroffenen unter der Wirkung des Medikaments
aktiver werden.
- Depressive benötigen in erster Linie eine
intensive psychotherapeutische Betreuung. Je nach
Art und Schwere der Erkrankung wird der Therapeut
den Patienten von seinen negativen Gefühlen
entlasten und mit ihm Verhaltensweisen
trainieren, die ihm Erfolgserlebnisse vermitteln.
Kein Arzt darf Antidepressiva verschreiben, ohne
zugleich seinen Patienten psychotherapeutisch zu
betreuen!
- Besonders erfolgreich sind die
Depressionstherapie von Lewinsohn und die
kognitive Therapie von Beck.
- Kognitive Therapie von Beck : Nach seinem
Begründer benanntes Verfahren, 1979 entwickelt,
das durch Übungen und Analysen verzerrte
Denkmuster und Wirklichkeitswahrnehmungen bewußt
macht. Für die Behandlung von Depressionen wurde
eine außerordentlich hohe Wirksamkeit
festgestellt.
- Depressionstherapie von Lewinsohn : 1974
entwickeltes Verfahren, das auf der Annahme
beruht, daß Depressionen entstehen, weil dem
Patienten positive Rückmeldungen aus seiner
Umwelt fehlen. Der Therapeut entwickelt für ihn
einen Plan von Aktivitäten, durch die er
unweigerlich solche Rückmeldungen aus seiner
Umgebung erhalten wird. Der Therapeut übernimmt
die Initiative und lenkt den Patienten, bis er
wieder von sich aus Lust am Leben verspürt.
Diese Verfahren bietet vor allem solchen
Depressiven eine optimale Therapie, die sich
schon soweit in sich selbst zurückgezogen haben,
daß sie auf behutsame Gesprächsführung nicht
mehr reagieren.
- Es hat sich in einer neueren Studie der Freien
Universität Berlin gezeigt, daß auch Dauerlauf
hilfreich ist, selbst bei schweren Depressionen.
Regelmäßiges Joggen eignet sich hervorragend
zur Selbsthilfe. Der Grund: Beim Dauerlauf werden
Endorphine, körpereigene Glückshormone
freigesetzt, die die Stimmung nachhaltig
aufhellen.
- Es gibt einige Formen der Depression, die im
äußeren Erscheinungsbild von der üblichen
Passivität und Niedergeschlagenheit abweichen
und deshalb oft nicht erkannt werden.
- Sisi-Syndrom : Neueste
Untersuchungen ergaben, daß etwa 20 Prozent der
Patienten quirlige, scheinbar lebensbejahende
Menschen sind. Im Innern leiden Sie an einer
schweren Verstimmung, versuchen ihr jedoch durch
quirlige Hyperaktivität zu entfliehen. Durch
dauerndes Machen und Tun gehen Sie nicht nur
andern permanent auf den Wecker, sondern gestehen
sich selbst ihr seelisches Leiden nicht ein. Nach
der berühmten österreichischen Kaiserin haben
Fachleute diese Form der Depression
Sisi-Syndrom getauft. Sie ist mit
modernen Medikamenten gut heilbar.
- Die depressive Neurose ist eine
Form der reaktiven Depression. Eine
Niedergeschlagenheit ist hier gekoppelt mit
zwanghaftem Verhalten. Symptome sind
Antriebslosigkeit, fehlende Lebensziele,
unangemessene Schuldgefühle, Selbstvorwürfe,
zwanghaft rigides Gewissen, starkes Bedürfnis
nach Selbstbestrafung, bis zu
Selbstmordtendenzen. Depressive Neurotiker
fordern von ihren Mitmenschen ständig Beweise
der Zuneigung, andererseits überhäufen sie sie
mit Forderungen - beides Ausdruck einer geringen
Frustrationstoleranz. Ausgangspunkt ist meist
ein konkretes trauriges Ereignis. Die
Trauerarbeit (Siehe Kapitel '"Extreme
Lebenseinschnitte") mißlingt. Die Symptome
bilden sich allmählich heraus. Der Betroffene
behauptet: "Ich bin ein Versager" oder
"Ich bin der geborene Pechvogel". Die
Wut über Mißerfolge richtet er gegen sich
selbst. Eine depressive Neurose läßt sich gut
mit psychotherapeutischen Methoden behandeln.
- Eine echte Krankheit ist die manisch-depressive
Psychose. Eine Manie ist das Spiegelbild
der Depression. Manische Menschen sind grundlos
heiter, die Stimmung ist blendend. Sie kennen
keine Hemmungen. Daß daran etwas Krankhaftes
sein könnte, begreifen sie nicht, auch wenn sie
mit schamlosen Verhaltensweisen alle Welt vor den
Kopf stoßen. In der Fachwelt ist umstritten, ob
es reine Manien gibt ohne depressive Phasen. Im
Normalfall schwanken die Kranken zwischen
Himmelhoch jauchzend und Zu Tode betrübt. Nach
einer manischen Phase tritt eine tiefe Depression
ein, die von einer neuen Periode exaltierter
Hemmungslosigkeit abgelöst wird.
- Stimmungsschwankungen kennt jeder. Die Kranken
unterscheiden sich von uns darin, daß ihre
Empfindungen sehr extrem sind und alle inneren
Kontrollmechanismen versagen. Vor allem aber ist
die jeweilige Stimmung völlig unabhängig von
äußeren Ereignissen. Manisch-Depressive können
in Heiterkeit und gute Laune ausbrechen, wenn
gerade die Lieblingskatze gestorben ist, und in
Schwermut und Selbstvorwürfen versinken, wenn
sie ein wichtiges Examen bestanden haben. Sie
haben kein Empfinden für die Unangepaßtheit
ihrer Stimmungen. Ihr Verhalten erscheint ihnen
normal.
- Das Auffällige an einer Manie ist nicht so sehr
das bizarre Verhalten, sondern daß es völlig
unabhängig von den üblichen Umgangsregeln und
kulturellen Standards ist. "Gesunde"
Exzentriker brechen die Regeln ihrer Umgebung
bewußt. Wer beispielsweise feste Wohnung und
Partnerschaft für spießig hält, wählt eine
unstete Lebensweise, um anderen und sich selbst
seine Unabhängigkeit zu demonstrieren. Leidet er
zugleich unter seiner Bindungslosigkeit, haben
wir es mit einer neurotischen Störung zu tun.
- Manische Menschen entscheiden sich dagegen nicht
bewußt für Normverstöße, sondern geben
einfach ihrer exaltierten Stimmung nach. Sie
zeigen sich ausgelassen, fröhlich, ja sogar
witzig und sprühend vor Einfällen. Mit
atemberaubender Geschwindigkeit werden
unterschiedlichste Aktivitäten in Angriff
genommen und genauso schnell wieder aufgegeben.
Jede Kleinigkeit kann sie ablenken und völlig
andersartige Handlungen auslösen. Sie können
sich keinen Moment bremsen, um über ihre Ziele
oder die Konsequenzen ihres Tuns nachzudenken.
Alles erscheint ihnen möglich, nicht die
geringsten Selbstzweifel kommen auf. Sie stürzen
sich in Schulden, schwindeln, spekulieren,
breiten von jedermann ihren grundlosen Optimismus
und ihre großartigen Projekte aus, die sie im
nächsten Moment schon zugunsten eines noch
größenwahnsinnigeren beiseite schieben.
Hauptsache Bewegung, Hauptsache Aktivität. In
dieser Zeit sind sie zu erstaunlichen
körperlichen Leistungen fähig. Sie jagen
vierundzwanzig Stunden am Tag durch das Leben,
schlafen nicht, essen mit unvorstellbarem Appetit
ohne zuzunehmen, spüren keine Erschöpfung und
keinen Schmerz. Durch ihre maßlose
Selbstüberschätzung sprengen sie taktlos alle
Konventionen. Sie opfern einer flüchtigen Idee
langandauernde Beziehungen, verlassen ihre
Kinder, reichen Scheidungen ein und nehmen sie im
nächsten Moment wieder zurück. Am Ende steht
häufig ein Trümmerhaufen aus Schulden und
zerstörten Beziehungen.
- Sobald die körperlichen und seelischen Reserven
erschöpft sind, setzt eine depressive Phase ein
(Merkmale siehe voriger Abschnitt). Die Kranken
überhäufen sich mit Selbstvorwürfen. In dieser
Periode ist das Selbstmordrisiko außerordentlich
hoch.
- Entgegen allem äußeren Anschein handelt es sich
um eine innere, biologisch verursachte Krankheit.
Die biochemischen Vorgänge im Gehirn sind
gestört infolge von Lithiummangel. Es verspricht
daher wenig Erfolg, begütigend und mit
Vernunftgründen auf die Manisch-Depressive
einzureden. Wirksame Hilfe kann nur ein Arzt
leisten, der Lithiumpräparate (Mikroplex,
Hypnorex, Quilonum u.a.) verschreibt und
regelmäßig den Blutspiegel kontrolliert. Die
Medikamente stabilisieren die Stimmungen.
Allerdings fällt es den Kranken schwer, sich mit
dem Verlust der Zeiten überschäumender Laune
und euphorischer Höhenflüge abzufinden.
Ähnlich wie bei dem Entzug eines psychisch
anregenden Rauschgiftes unterliegen sie dauernd
der Versuchung, die Einnahme der Medikamente
wieder abzubrechen. Da manche das Lithium
lebenslang einnehmen müssen, ist es wichtig,
daß Freunde und Partner das Gelingen der
Therapie ständig überwachen und den Patienten
ermuntern, Anregungen im Alltag statt in der
veränderten Chemie seines Gehirns zu suchen.
- Leseempfehlungen:
- René Diekstra: Pflaster für die Seele. Wie man
mit Alltagsdepressionen fertig wird. Ernst Kabel
Verlag Hamburg 1991.
- Frank Naumann: Erste Hilfe für die Seele. Verlag
Gesundheit Berlin 1996.
- Paul G. Quinnett: Warum mit dem Leben Schluß
machen? Ein Ratgeber für Gefährdete und für
die, die sie verstehen und lieben. Verlag Herder,
Freiburg, Basel, Wien 1990.
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