zur Titelseite

BSE, Syphilis, AIDS
Die Rückkehr der großen Seuchen (III)

Ausgabe Februar 2001/ 5. Jahrgang

 

Im dritten und letzten Teil lenken wir Ihren Blick auf drei Krankheiten, die aktueller sind denn je. Statt Sensationsmeldungen bieten wir Hintergrundinformationen und eine nüchterne Einschätzungen der Risiken und Behandlungsaussichten

 

BSE Die Abkürzung steht für Bovine Spongiforme Enzephalopathie - schwammförmige Hirnkrankheit des Rindes. Die Tiere werden aggressiv, fangen an zu torkeln und einzuknicken. Bis zum Tod wegen der Hirnerweichung vergeht ein halbes Jahr. Berüchtigt wurden die Erreger - Prionen - entartete Eiweißmoleküle, die kleinsten bekannten Krankheitskeime überhaupt. Gesunde Eiweißkörper verändern ihre Faltungsstruktur und übertragen sie auf weitere Moleküle. Seit 1985 erkrankten in Großbritannien 170 000 Tiere. Im übrigen Europa gab es nur Einzelfälle durch Import britischer Tiere, die meisten in der Schweiz (256). Wahrscheinlich stammt die Krankheit von Schafen, deren Tiermehr an Rinder verfüttert wurde.

Nachweislich kann die Krankheit vom Rind auf Ziegen, Schafe, Schweine, Katzen und auch Affen übertragen werden. Die Vermutung liegt nahe, daß auch der Mensch gefährdet ist. Ähnliche Symptome wie bei der Rinderseuche finden sich bei der Creutzfeld-Jakob-Demenz (CJD). Wie bei anderen Hirnerkrankungen beobachtet man zunächst Störungen im Gedächtnis, später auch in der Motorik.

Die „klassische“ Form ist seit achtzig Jahren bekannt und konnte bis vor kurzem erst nach dem Tod nachgewiesen wurden. Dann fand man im Rückenmark Prionen. Betroffen sind von dieser seltenen Störung Personen über sechzig, bei denen es - wahrscheinlich aufgrund eines genetischen Defekts - zur krankhaften Veränderung der Nerveneiweiße kommt. Sie hat nichts mit BSE zu tun und entsteht nicht durch Ansteckung. Anders die neue Form der CJD. Sie trifft junge Menschen. Durchschnittsalter 29 Jahre. In Großbritannien sind mehr als 100 Personen daran gestorben. Drei Fälle sind aus Frankreich bekannt, einer aus Nordirland.

Daß infiziertes Rindfleisch die Krankheit überträgt und auslöst, ist zwar noch nicht zweifelsfrei bewiesen, aber sehr wahrscheinlich. Wie viele Personen noch erkranken werden, ist unbekannt, da die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit bis zu 20 Jahre betragen kann. Man weiß auch nicht, wieviel infiziertes Material jemand gegessen haben muß, um sich zu infizieren.

Anfängliche Schreckensvisionen rechneten mit über 100 000 Todesfällen für die nächsten beiden Jahrzehnte. Detaillierte Berechnungen erwarten jetzt „nur noch“ 200 Todesfälle und gehen davon aus, daß der Höhepunkt der Epidemie bereits überschritten ist, weil sich die meisten Opfer Anfang der 80er Jahre in Großbritannien infizierten, als die Gefahr noch nicht erkannt war. Mittlerweile wird das Fleisch bei uns getestet, so daß das Risiko einer Neuansteckung sehr gering ist. Vermutlich wird es in den nächsten Jahren bei uns nur wenige Neuerkrankungen geben - wenn überhaupt. Jedoch hat die Medizin bisher keine wirksame Therapie anzubieten, und ein Durchbruch ist nicht in Sicht. Eine Impfung ist aufgrund des seltsamen Erregers ebenfalls nicht möglich.

Syphilis. Daß die tödliche Geschlechtskrankheit nur moralisch verdorbene Personen trifft - vor allem, wenn sie weiblich sind - galt noch Mitte des 19. Jahrhunderts als sicher. Die meisten Historiker glauben, daß die Matrosen des Christoph Columbus 1492 die Krankheit aus der Neuen Welt mitbrachten. Jedenfalls finden wir die erste Epidemie im Heer Karls VIII. von Frankreich, der mit 30 000 Mann ab 1494 plündernd durch Europa zog - daher der Name „Französische Krankheit“. In der Tat befanden sich in dem Heer zurückgekehrte spanische Seeleute.

Zuerst gibt es nur eine schmerzlose, glänzend rote Stelle an den Geschlechtsorganen oder an den Lippen. Dieses harmlose Signal verschwand nach einigen Wochen von allein und alles schien überstanden. In Wahrheit begannen die Erreger sich in rasendem Tempo zu vermehren und den Körper zu durchdringen. In jener Zeit gaben die Infizierten den Erreger durch Sex weiter. Etwa zwei Monate später meldeten sich unerträgliche Schmerzen, Ausschlag mit übelriechenden Absonderungen breiteten sich über die Haut aus, fraßen sich in das Gewebe, führten zur Zerstörung von Harnwegen oder zur Erblindung. Häufig zerfraßen die Geschwüre das Gesicht und die Hirnhäute. Nach mehreren Jahren trat der Tod ein.

Kein Wunder, daß Sensationsberichte über die neue Lustseuche mit moralischen Vorhaltungen einher gingen. Die erste Therapie war Quecksilber, eine Roßkur, bei der nicht sicher war, wer zuerst an dem giftigen Metall starb: der Krankheitskeim oder der Patient. Erst 1905 entdeckten zwei Berliner Ärzte korkenzieherförmige Bakterium, und 1909 fand Paul Ehrlich das erste wirksame Präparat Salvarsan, eine Arsenverbindung. Doch auch das schädigte den Menschen. Erst Penicillin und andere Antibiotika brachten den Durchbruch.

Eine Zeitlang gingen die Neuinfektionen kontinuierlich zurück, weil der Spruch „Kondome schützen“ nicht nur gegen AIDS, sondern auch gegen Syphilis und andere sexuell übertragbare Krankheiten Wirkung zeigte. Seit jedoch AIDS nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht, nehmen die Neuinfektionen wieder zu.

AIDS (acquired immune deficiency syndrome). 1980 häuften sich in Amerika Berichte über junge schwule Männer, die alle an seltenen Krankheiten starben - Tumore, Pilzinfektionen, Lungenkrankheiten durch Viren, die bisher als ungefährlich galten. Bald stand fest, daß ihr Immunsystem nicht in der Lage war, harmlose Keime abzuwehren. Als Überträger dieser Immunschwäche war bald ein kanadischer Steward ausgemacht, Gaetan Dugas, der sich zwar schwach fühlte (auch die Haare gingen ihm aus), aber immer noch für seine Airline durch die Welt flog. 1982 meldeten die USA 900 Krankheitsfälle, 1985 waren es schon 12 000 - und Gaetan Dugas war tot. Inzwischen war auch klar, daß das Virus nicht nur Schwule, Fixer und Prostituierte anfiel und aus dem afrikanischen Urwald nach Amerika gekommen war.

Das HIV (Human Immunodeficiency Virus) greift genau jene Zellen an, die für die Immunabwehr zuständig sind. Kurz nach der Infektion bildet der Körper wie bei jeder anderen Virusinfektion Abwehrstoffe - sie machen einen Nachweis der Infektion im Test möglich - das HI-Virus umgeht jedoch die Antikörper, indem es seine Oberflächenstruktur ändert und so für unsere Immunabwehr unerkennbar wird. Dann dringt es in die Abwehrzellen ein und bringt sie dazu, statt Abwehrstoffe neue Aidsviren zu produzieren. Mit der Folge, daß sie nicht mehr für die Immunabwehr arbeiten. Deshalb scheint eine Impfung nur schwer möglich. Selbst wenn Mediziner ein entsprechendes Serum fänden: es bestände die Gefahr, daß es zwar eine Infektion verhindert, aber nun seinerseits das Immunsystem zerstört.

In unseren Breiten können zwischen Infektion und Ausbruch der Krankheit zwölf und mehr Jahre vergehen. Ein starkes, gut genährtes Immunsystem setzt der Krankheit lange Zeit Widerstand entgegen. In Afrika rafft dagegen AIDS hungernde Kinder oft schon innerhalb von drei bis vier Monaten dahin. Seit AIDS nicht mehr das Thema Nr. 1 in den Medien ist, läßt die Vorsicht wieder nach. Rund 30 Prozent lassen es auf ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Fremden ankommen, weitere 20 bis 25 zumindest gelegentlich. Dabei hat sich die Lage seit den achtziger Jahren kaum verbessert. Zwar gibt es inzwischen eine teure Kombinationstherapie aus mehreren Medikamenten, aber sie hält nur das Fortschreiten der Krankheit eine Zeitlang auf. Man weiß außerdem, daß ein früher Beginn der Behandlung die Lebenserwartung der Infizierten deutlich verbessert. In den USA besagen die aktuellen Zahlen, daß die Lebenserwartung nach Ausbruch der Krankheit im Schnitt von 11 Monaten (Stand 1984) auf etwa drei Jahre gestiegen ist. Eine Heilung ist aber weiterhin nicht möglich.

Bisher starben 19 Millionen Menschen weltweit an AIDS, 40 Millionen sind infiziert, jedes Jahr kommen rund fünfeinhalb Millionen dazu. Besonders schnell breitet sich AIDS in der früheren Sowjetunion aus und in Osteuropa. Im Osten Deutschlands hat die Immunschwäche dagegen kaum Fuß gefaßt. 96 Prozent der etwa 37 000 mit dem HI-Virus infizierten Deutschen wohnen in den alten Bundesländern. Bei 5.000 Menschen war die Krankheit voll ausgebrochen. Etwa 600 Patienten starben im letzten Jahr (seit Beginn der Epidemie 18 000). Seit kurzem steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder an. In Deutschland registrieren die Behörden im Jahr rund 2 000 Neuinfektionen.

Bei heterosexuellem Sex beträgt das Ansteckungsrisiko 1 : 588. Also eine Ansteckung auf knapp 600 Kontakte. Das scheint zunächst nicht viel zu sein. Findet der ungeschützte Verkehr zwischen beiden öfter statt, wächst die Gefahr aber sehr schnell. Wer zehn Mal mit einem Infizierten ins Bett geht, bei dem liegen die Risiken bei 50 : 50. Um ein Vielfaches höher ist die Ansteckungsgefahr außerdem bei Teenagern und wenn der Überträger - zum Beispiel wegen fehlender medizinischer Behandlung - eine sehr hohe Zahl von Viren in sich trägt. Es kommt zudem auf die Sexpraktiken an. Je sanfter, desto geringer das Risiko. Bei Oralsex besteht nach neuen Erkenntnis so gut wie gar keine Ansteckungsgefahr. Das Risiko, daß eine Frau das Virus an einen Mann weitergibt ist beinahe doppelt so hoch (1 zu 454) wie umgekehrt (1 zu 769).

Die alarmierenden Warnungen der achtziger Jahre haben nicht an Schrecken verloren. Die Tatsache, daß die Aufklärung die Ausbreitung von AIDS in Europa eindämmte, darf nicht zu dem Glauben verführen, die Journalisten und Ärzte hätten übertrieben. Sobald wir zu früherer Umbekümmertheit zurückkehren, wird die Lawine wieder ins Rollen kommen. So wie in Afrika und neuerdings auch wieder in Amerika: Nachdem Schwule in San Francisco in größerem Umfang zu ungeschütztem Sex zurückkehrten, verdoppelte sich dort innerhalb eines Jahres die Zahl der Neuinfektionen.

---> Artikel als Druckversion im *.rtf- Format downloaden <---

In Partnerschaft mit
Amazon.de

 
Dokumentanfang EGONet-Titelseite Themen Übersicht
Leserbrief 
chatten-bloggen-Freunde treffen

In Partnerschaft mit
Amazon.de

LOVEPOINT - Liebe oder Seitensprung? - Click it

Gesundheit
Psychologie
Sexualität
Schönheit
Partnerschaft
Kommunikation
Lexika
 Suchmaschinen
Servicedienste

 Archiv

Ihre Immobilienanzeige bei Immonet.de. Ab jetzt 4 Wochen lang für nur Euro 14,95.